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Charlie Sheen : Der finale Akt der großen Zirkusnummer

  • -Aktualisiert am

Jetzt nur noch eineinhalb Mann: Werbeplakat für Sheens Comedy-Serie an den Warner Bros. Studios Bild: dapd

Zunächst wurde die Serie „Two and a Half Men“ nur ausgesetzt. Nun hat Warner Brothers dem Skandalstar gekündigt. Den allerdings ficht das nicht an. Er sieht sich als Widerstandskämpfer gegen das verlogene Personal der Entertainment-Welt.

          Nach Charlie Sheens beispielloser Medienoffensive im Zuge der Skandale um sein exzessives Partyleben hat sein Arbeitgeber nun die Notbremse gezogen: Warner Brothers verkündete die Auflösung des Vertrages mit dem Star der erfolgreichen Sitcom „Two and a Half Men“, deren Produktion vor zwei Wochen zunächst ausgesetzt worden war. Sheen zeige „gefährlich selbstzerstörerisches Benehmen“ und wirke „sehr krank“, hieß es zur Begründung.

          Das ist noch milde ausgedrückt. Sheen hatte auf die Aussetzung seiner Show mit einem überaus öffentlichen Ego-Amoklauf reagiert: Er beschimpfte seine Bosse als „Verlierer“, „Clowns“ und „Nazis“, verhöhnte die Therapeuten, die ihn öffentlich analysierten, und beschrieb sich selbst als Sonderexemplar der menschlichen Gattung, als „Gewinner“ mit „Tigerblut“ und „Adonis-DNA“.

          Urheber größenwahnsinniger Bonmots

          Wo man in den vergangenen zehn Tagen in den amerikanischen Medien hinschaute und hinhörte, Sheen war überall – Howard Stern interviewte den Fünfundvierzigjährigen, CNN hatte ihn ebenso zu Gast wie ABC, und Jeff Rossen von NBC lud Sheen gar zu sich nach Hause ein und stellte ihm die berüchtigten „Göttinnen“ – Sheens junge blonde Lebenspartnerinnen – vor. Jeder, so konnte man meinen, der Sheen in seiner Sendung oder seiner Zeitung haben wollte, bekam ihn. Charlie Sheen, bis zu Wochenbeginn der bestbezahlte Fernsehdarsteller Amerikas, ließ die Puppen tanzen.

          „Tiger Blood“, „Adonis-DNA und „Winner“ wurden sofort zu Begriffen der Woche. Der Abo-Radioanbieter Sirius rief einen Sender namens „Tiger Blood Radio“ ins Leben, der sich ganz und gar um Sheen dreht, mehrere Online-Publikationen richteten eine eigene Sheen-Rubrik ein, um die neuesten Einlassungen des Schauspielers halbstündlich dokumentieren zu können. Ein Sake-Hersteller mixte in Windeseile einen „Tyger Blood Cocktail“ zusammen, eine Airline warb mit der Zeile „Tigerblut und Adonis-DNA keine Bedingung“ für Billigflüge, und sogar das Rote Kreuz bat um „Tigerblut-Spenden“. Das „New York Magazine“ präsentierte seinen Lesern ein Quiz, das die Zuordnung größenwahnsinniger Bonmots zu ihren Urhebern verlangte, und stellte dafür Muammar al-Gaddafi, Glenn Beck oder Charlie Sheen zur Wahl. Der Latenight-Talker Jimmy Fallon imitierte den Schauspieler in der oscarwürdigen Persiflage einer Parfumwerbung für einen Duft namens „Winner“.

          Ein Schock für das puritanische Amerika

          Und doch lag über allem ein seltsamer Unterton der Verunsicherung. Denn Sheen argumentierte pointiert, dass seine berufliche Professionalität unter seinen Freizeit-Exzessen nie gelitten habe, und er balancierte so haarscharf auf der Scheide zwischen Geisteskrankheit und anarchischem Genie, dass seinen Interviewern die Furcht ins Gesicht geschrieben stand, Sheen könnte ihnen im nächsten Moment den Teppich unter den Füßen wegziehen und rufen: „War nur gespielt!“ Der NBC-Journalist Rossen antwortete auf die Frage: „Ist er irre?“ etwas gequält: „schwer zu sagen“. Den Umgang mit einem skandalträchtigen Superstar, der sich offensiv weigert, den Selbstkasteiungsritualen des gestrauchelten Helden mit reuiger Geste zu folgen, ist man in Amerika einfach nicht gewohnt. Stars von noch größerem Hollywood-Kaliber als Sheen – darunter Mel Gibson und Tom Cruise – kriechen brav zu Kreuze, wenn sich die Nation über ihre Fehltritte entrüstet. Sheen dagegen streckt kampflustig den Mittelfinger hoch, und die Amerikaner schnappen nach Luft.

          Dass sich jemand, anstatt sich artig in die Normalität zurücktherapieren zu lassen, für „selbstgeheilt“ erklärt und über die „lächerliche Tyrannei“ von Suchtexperten und therapeutischen Gruppen herzieht, welche die Selbsterniedrigung als ersten Schritt zur Wiedereinordnung ebenso verlangen, wie es die Klatschmedien tun – so etwas bricht mit allen Regeln der Political Correctness. Dass ein Mann mittleren Alters lauthals zu seinem promisken Leben mit blutjungen Frauen steht, statt sich als sexsüchtig zu bejammern und einer Domestizierungskur zu unterziehen – so etwas schockiert das puritanische Amerika nachhaltig. Und dass jemand einige der mächtigsten Männer der amerikanischen Unterhaltungsbranche als „Kleinkinder“ verhöhnt, kommt einer Revolution gleich. Vielen Fans wurde Sheen denn auch zur Widerstandsfigur gegen das verlogene Personal der Entertainment-Welt.

          Zwei Millionen Twitter-Anhänger

          Man darf ja nicht vergessen, dass die Serie „Two and a Half Men“ um einen Womanizer, der mit seinem Bruder und seinem Neffen zusammenlebt, ihre Pointen genau aus jenem Partylöwen-Image zieht, für das man ihn nun züchtigt. Begründet wurde die Aussetzung der Sendung in der vergangenen Woche nicht etwa mit Sheens Handgreiflichkeiten gegen seine Lebenspartnerinnen – seiner einstigen Verlobten Kelly Preston schoss er 1990 „versehentlich“ in den Arm, seine Ex-Frau Denise Richards ließ sich 2006 wegen gewalttätiger Drohungen scheiden, 2009 wurde er wegen tätlicher Attacken auf die Mutter seiner Zwillingssöhne verurteilt. Den Ausschlag gaben vielmehr Drogenparties mit Porno-Starlets.

          Umfragen zufolge sprechen sich derzeit weit mehr Menschen für Sheen aus als gegen ihn, binnen weniger Tage scharten sich zwei Millionen Twitter-Anhänger um den Schauspieler. Mit dem Rausschmiss, der den Schauspieler umgehend zu neuen radikalverbalen Ergüssen inspirierte, ist nun freilich ein wenig die Luft raus. Sheen hat inzwischen einen Webcast namens Sheens Korner ins Leben gerufen, angeblich steht er in Verhandlungen über eine Talkshow und eine Live-Tour, und womöglich denkt längst jemand über eine Sitcom nach, die von Sheens neuem Exzentriker-Image inspiriert ist. Mit „Two and a Half Men“ mag Schluss sein. Aber der finale Akt von Charlie Sheens großer Zirkusnummer steht noch aus.

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