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Castingshows : Plötzlich bist du nackt in der „Bild“-Zeitung

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Sie waren „Popstars”: Castingshow-Gewinner Nu Pagadi mit Markus Grimm (l.) Bild: dpa

Martin Kesici gewann 2003 die Sat.1-Show „Star Search“, und Markus Grimm wurde 2004 bei Pro Sieben in die „Popstars“-Band Nu Pagadi gewählt. Ein Gespräch über den verkauften Traum, den man nicht träumen kann.

          Kommerz statt Kreativität, Quotentuning statt Künstleraufbau: Dass es in Castingshows nicht ernsthaft um Talentförderung geht, ist nach neun Jahren von langweiligen „Popstars“-Bands aus der Retorte und sieben Jahren Bohlen-Erniedrigungen bei „Deutschland sucht den Superstar“ keine Überraschung mehr. So endet auch das vor kurzem erschienene Buch der ehemaligen Castingshow-Sieger Martin Kesici und Markus Grimm ( „Sex, Drugs & Castingshows. Die Wahrheit über DSDS, Popstars & Co.“, Riva Verlag, München 2009) mit vorhersehbarer Ernüchterung. Obwohl Martin Kesici 2003 die Sat.1-Show „Star Search“ gewann und Grimm 2004 bei Pro Sieben in die „Popstars“-Band Nu Pagadi gewählt wurde, gerieten beide nach dem branchenüblichen Nummer-eins-Hit schnell wieder in Vergessenheit.

          Sie beschreiben die Castingshows als Wahrnehmungstäuschung. Wo „Popstar“ draufsteht, ist bestenfalls ein Fernsehstar drin. Inwiefern waren Sie Stars?

          Kesici: Ich hab' mich noch nie als Star gesehen. Ich bin Musiker, Künstler.

          Gewonnen: Martin Kesici nach dem „Star Search”-Finale im August 2003

          Grimm: Hinter Startum steckt eine Menge Arbeit, die man nicht durch ein halbes Jahr im Fernsehen erreicht. Wir waren zumindest für kurze Zeit sehr gefragt. Dafür gibt es ein Wort: „Celebrity“, ein kurz aufglühendes Sternchen.

          Welche Hoffnungen hatten Sie nach Ihrem Sieg bei „Popstars“ beziehungsweise „Star Search“?

          Grimm: Ich hatte die Hoffnung, mit Musik mein Leben zu finanzieren. Und ich wollte meinen Eltern ein Häuschen kaufen. Dazu kam es leider nie. Nach der Auflösung von Nu Pagadi blieb kein Geld übrig: Wir sind am Gewinn nur wenig beteiligt worden und mussten zum Beispiel für Reisekosten aufkommen. Das ist laut Vertrag bei allen so.

          Kesici: Wie Markus habe ich gedacht: „Oh, jetzt kann ich von meiner Musik leben!“ Aber Popstar ist kein Ausbildungsberuf, so wie es Castingshows darstellen. Sie verkaufen einen Traum, den man nicht träumen kann. Wenn man von der Plattenfirma fallengelassen wird, weil die nächsten Sieger nachrücken, merkt man, wie hart dieses Business ist.

          Ihr Buch ist ein persönlich geschriebener kritischer Erfahrungsbericht. Sie schildern, wie Castingshows für hohe Einschaltquoten und Gewinnmaximierung Menschen rücksichtslos manipulieren, verheizen und betrügen. Was sind Ihre Hauptvorwürfe?

          Kesici: Zum Beispiel ist „Deutschland sucht den Superstar“ immer mehr zur Dokusoap geworden. Es sollte wieder verstärkt um Musik und Sänger gehen. In den Vereinigten Staaten steht die Musik mehr im Mittelpunkt - siehe „American Idol“-Gewinnerin Kelly Clarkson, die sieben Jahre nach ihrem Sieg immer noch als Musikerin unterwegs ist. Ich bin überzeugt, dass so auch bessere Quoten eingefahren werden könnten. Die Menschen merken, ob ein Künstler mitbeteiligt worden ist oder nicht. Nach dem Sieg wird man aber zum Karaokesänger.

          Grimm: Ich glaube, da ist Hopfen und Malz verloren. Die Zuschauer in Deutschland sind inzwischen an Boulevard gewöhnt. Ich gebe zu, dass auch ich gern zusehe, wie manche Bewerber sich zum Horst machen. Meine Hauptkritik ist aber, dass keine Verantwortung für die Kandidaten übernommen wird. Es gibt so viele naive Mädchen, die ausgeschlachtet werden und mit siebzehn plötzlich nackt in der „Bild“-Zeitung stehen. Es geht nur darum, wer den schlimmsten Schicksalsschlag hat.

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