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Bodensee-“Tatort“ mit Eva Mattes : Überall Triebe, Lügen und kalte Wut

  • -Aktualisiert am

Im modischen Haus am See: Richterin Göttler (Karin Giegerich) und Kommissarin Blum (Eva Mattes) Bild: SWR/Stephanie Schweigert

Für „Im Netz der Lügen“, dem neuen „Tatort“ aus Konstanz, hat die Grimme-Preisträgerin Dorothee Schön ein raffiniertes Drehbuch geschrieben, das die Kommissarin Blum und eine karrierebewusste Richterin auch in ein Duell der Gesichter verstrickt.

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          Mit den Coaching- und Fortbildungsseminaren ist das ja so: Oft genug sind sie bloß eine Antwort auf das betriebsweite Bedürfnis nach einer bezahlten Teepause, die Kollegen schieben die Stühle zusammen, fahren die Markise herunter und schalten auf Durchzug. Während vorn, zwischen Beamer und Leinwand, der aufgeregte Trainer das Programm abspult, herrscht hinten zwangsverordnete Langeweile. Und trotzdem gibt es diesen Aha-Moment, schon am nächsten Tag. Dann kommt die Methoden-Revolution so demonstrativ zum Zug, als hätte man nicht ein Rad, sondern ein ganzes Hirn-Getriebe neu erfunden.

          Wohin das führt, lässt sich im „Tatort“ mit Eva Mattes als Kommissarin Klara Blum erfahren. Zwar ist davon auszugehen, dass Blum und ihre Kollegen schon früher auf den Gedanken verfielen, die Glaubwürdigkeit eines Verhörten über dessen Mimik zu ergründen. Jetzt aber ist ein Guru im Haus, der abwechselnd Ermittler und eifersüchtige Ehemänner zu beraten scheint (was unter dem Strich auf dasselbe hinauskommt). Die Deutung der Mundwinkel, angespannter Oberlippen und bebender Nasenflügel erklärt er zur Chefsache. „Das ist Verachtung“, sagt er, das Video-Standbild einer verhörten Blonden studierend. „Und das hier“, der Verdächtigen wurden unerwartete Details der Ermittlungen genannt, „ist Überraschung.“ Die Damen und Herren vom Kommissariat staunen. Was die moderne Wissenschaft nicht alles kann!

          Karriere-Frauen-Gesichter in Fernsehfilmen

          Nun muss man allerdings wissen, dass Karriere-Gesichter wie das der Frau auf dem Bild ein Fall für sich sind. Das gilt umso stärker für Karriere-Frauen-Gesichter in Fernsehfilmen, für die Gesichter ambitionierter Juristinnen jenseits der vierzig und zumal das von Heike Göttler. Eine tolle Frau, theoretisch. Sie ist Richterin, hat ein modisches Haus am See, und der Körper macht vorerst auch noch mit: topfit, diese Frau. Das kommt vom Joggen.

          Es ist schwer für sie, mit Emotionen umzugehen: Richterin Göttler (Karin Giegerich)
          Es ist schwer für sie, mit Emotionen umzugehen: Richterin Göttler (Karin Giegerich) : Bild: SWR/Stephanie Schweigert

          Schon die nüchterne Architektur ihres Hauses allerdings verrät: Mit Emotionen kann Heike Göttler nicht umgehen. Das Doppelbett ist leer. Dazu dieses Gesicht: angespannt die Mundwinkel, eisern der Blick. Aha, denken wir: So muss das sein, wenn man Gewalttätern auf der Spur ist. So wird das, wenn einem Gewalttäter selbst auf der Spur waren - so wie neulich, als die Richterin beim Joggen von einem Unbekannten überfallen wurde und den Mann kurzerhand erschlug: „Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort.“ Doch was heißt das schon: die Mimik, die Fassade?

          Die Kommissarin jedenfalls lässt nicht davon ab, das Gesicht dieser Frau zu studieren. Überhaupt studiert sie in diesem „Tatort“, kaum dass das Seminar mit dem Mimik-Guru vorbei ist, jede Menge Gesichter. Als trügen sie am Bodensee allesamt Masken: die netten Lehrer und aufmerksamen Liebhaber, die lächelnden Familienväter und braven Frauen.

          Harte, abgründige Geschichten

          Statt wahrer Liebe: überall Triebe, Lügen, kalte Wut. Ist es denkbar, dass sich die Richterin per Internet absichtlich mit ihrem Opfer verabredete? Natürlich, denkbar ist das schon. Nur ob es stimmt, das ist die Frage.

          Gestellt hat sie Dorothee Schön, die 2010 den Grimme-Preis für den Wirtschaftsthriller „Frau Böhm sagt Nein“ erhielt. Auch für die SWR-Produktion „Im Netz der Lügen“ schrieb sie ein raffiniertes Drehbuch: darüber, dass wir Menschen beurteilen zu können glauben und doch nie wirklich kennen. Der Film braucht aber eine Weile, bis wir das verstehen.

          Das mag daran liegen, dass zu viele Geschichten erzählt werden. Teils harte, auch abgründige Geschichten. Als Zuschauer wäre man gern schon in der ersten Filmhälfte tiefer in die Seelen der Protagonisten abgetaucht. In das Leben der einsamen Richterin vor allem, die Karin Giegerich so heruntergekühlt spielt, dass man die Heizung hochdrehen möchte. Klara Blum, der Kommissarin, die so viel auf ihre Intuition gibt, geht es nicht anders. Zeit für ein weiteres Fortbildungsseminar, vermutlich.

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