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„Beutezug Ost“ im ZDF : Ihr seid alle ausgebeutet!

Poker um die Staatsbetriebe: Spielszene aus „Beutezug Ost” Bild: ZDF / U. Stoll

Das ZDF weiß, was in Ostdeutschland schiefgegangen ist. Und will seinen Zuschauern die wirtschaftspolitischen Entscheidungen von 1990 als „größtes Betrugskapitel in der Wirtschaftsgeschichte Deutschlands“ verkaufen.

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          An diesem Dienstagabend erklärt uns das ZDF das zwanzigste Jahrhundert neu. Nicht die DDR hat in vierzigjährigem Herumgemurkse die ostdeutsche Bevölkerung um ebenjene vierzig Jahre Arbeit betrogen, sondern es war die westdeutsche Regierung, und ihr genügte dafür ein einziger Tag: der 1. Juli 1990. Damals wurde die D-Mark auch als Währung in der DDR eingeführt, und damit war die blühende Landschaft der Planwirtschaft zur Wüste verdammt. Fortan war der Weg frei zum „Beutezug Ost“, wie der Titel der Sendung lautet.

          Für diese These hat das Fernsehmagazin „Frontal 21“ mehrere Zeugen aufgeboten, allen voran den Bündnis-Grünen-Europaabgeordneten Werner Schulz, der erst vor zwei Wochen die deutsche Wiedervereinigung im Deutschlandfunk als „Sturzgeburt“ charakterisiert, sie aber dennoch als „große Erfolgsgeschichte“ eingeschätzt hatte.

          Nun allerdings klingt es anders, und es wäre interessant zu wissen, was die Autoren der Sendung, Herbert Klar und Ulrich Stoll, Schulz eigentlich gefragt haben, denn wie bei solchen Dokumentationen üblich, werden darin kurze Ausschnitte aus längeren Gesprächen zusammenmontiert. An diesem Dienstagabend jedenfalls wird Schulz die wirtschaftspolitischen Entscheidungen von 1990 „das größte Betrugskapitel in der Wirtschaftsgeschichte Deutschlands“ nennen. Passt das zu seiner Vorstellung vom großen Erfolg?

          Die Investoren kommen: Spielszene aus „Beutezug Ost”

          Kein Wort über Dumping

          Man darf vermuten, dass Schulz eben mehr gesagt hat als die paar markigen Sätze, die dann übrig geblieben sind. Wie in „Beutezug Ost“ argumentiert wird, kann man sich deutlich machen, wenn man sieht, welche einzelnen Unternehmen aus der DDR als Beispiele für eine völlig verfehlte Wirtschaftspolitik nach der Wende vorgestellt werden. Da ist der Wärmeanlagenbauer WBB aus Berlin, der von einem kriminellen West-Unternehmer zugrunde gerichtet wurde. Der wurde dafür mittlerweile verurteilt, und mit der Umstellung auf die D-Mark hat der Fall nichts zu tun.

          Da ist der Kühlschrankhersteller DKK aus dem sächsischen Scharfenstein, der 1993 unter dem neuen Namen Foron den weltweit ersten FCKW-freien Kühlschrank anbot. Es half nichts, im Jahr 2000 meldete das Unternehmen Konkurs an. Das wird nun auf zwei Weisen erklärt: Das Umtauschverhältnis DDR-Mark zu D-Mark habe die Verkaufspreise vervierfacht und damit die vorher blühenden Exporterlöse unmöglich gemacht. Das stimmt, aber der Beitrag verliert kein Wort darüber, dass die vorher so niedrigen Preise nur deshalb möglich waren, weil der offizielle Wechselkurs mit Duldung des kommunistischen Staates ignoriert worden war.

          Um Devisen zu erwirtschaften, wurde billiger verkauft, als man produzierte, man betrieb Dumping. In Ostdeutschland selbst wurden Kühlschränke nach 1990 weitaus preiswerter als zuvor. Als zweiter Verantwortlicher für die Pleite wird dann die westdeutsche Konkurrenz ausgemacht, die das revolutionäre Modell von 1993 schlechtgeredet habe. Auch das stimmt, aber es führt in eine ganz andere Argumentationslinie.

          Wäre es wirklich besser geworden?

          So vermischt sich vieles in dieser Dokumentation, die mit DDR-Filmausschnitten von brummenden Produktionshallen und einer Grafik, die in Form und Farbe an DDR-Design angelehnt ist, munter Ostalgiegefühle schürt. Was etwa der persönliche Schmerz einer Plattenbaumieterin aus Eisenhüttenstadt, deren Wohnsiedlung abgerissen wird, mit den Schulden der kommunalen ostdeutschen Wohnungsbaugesellschaften zu tun hat, bleibt unklar.

          Hier wird eine Identifikation von Staat und Individuum fortgeschrieben, die 1990 in dem nun von „Beutezug Ost“ bejubelten Plan gipfelte, jedem DDR-Bürger ein Sechzehnmillionstel des Staatsvermögens zu überschreiben. Diese Absicht kippten die neugewählte Regierung von Lothar de Maizière, die dann die Einheit aushandeln sollte - und die Treuhand. Deren Leistung kann, ja muss man kritisch sehen. Aber hätte eine Kollektivwirtschaft mit sechzehn Millionen Eignern mehr Erfolg versprochen? Beantworten lässt sich das nicht konkret, aber alle empirischen Erfahrungen sprechen dagegen.

          Damals haben sich die ostdeutschen Wähler dagegen entschieden; „die D-Mark war zugkräftiger als Wahlprogramm, weil niemand über die Folgen geredet hat“, beklagt Werner Schulz. Am Schluss des Beitrags erfahren wir aber auch noch, dass sich heute jeder vierte Ostdeutsche als Verlierer der Einheit sieht. Es wäre sicher zu viel erwartet gewesen, dass „Frontal 21“ prüfen möge, warum drei Viertel der Ostdeutschen sich nicht ausgebeutet vorkommen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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