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Berlusconi im Fernsehporträt : Er kann machen, was er will

Immer gut im Bild sein: Berlusconi dieser Tage bei einer Pressekonferenz im Palazzo Chigi in Rom Bild: AFP

Ist den Italienern in den Regierungsjahren von Silvio Berlusconi alles egal geworden? Ein Arte-Film meint, so sei es. Die Mafia ist überall, an die Mädchen des Ministerpräsidenten hat man sich gewöhnt. Und Geld hilft immer.

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          Der von ZDF und Arte produzierte Dokumentarfilm „Die Akte Berlusconi“ von Maria-Rosa Bobbi und Michael Busse, den der deutsch-französische Kulturkanal heute im Rahmen seines italienischen Themenabends zeigt, ist an Vorwürfen und Behauptungen, aber auch an unstrittigen Informationen und Analysen über den römischen Ministerpräsidenten reich, gibt sich dabei aber sowohl auf der Tonspur als auch in den Bildern, die er zeigt, betont unaufgeregt. Zumal in seiner Ästhetik macht er den Eindruck, als habe er sich vom Pessimismus, ja von der Resignation des Fernsehunternehmers Francesco Di Stefano anstecken lassen.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Seine Landsleute, sagt Di Stefano, der Betreiber des Kanals „Europa 7“, gegen Ende in die Kamera, seien mit den Jahren immer „gleichgültiger geworden. Es scheint, als rechneten sie mit nichts mehr - und alles ist ihnen egal.“ Bevor er dieses Resümee zieht, analysiert er die Lage im Land indes mit sarkastischer Verve: „Den Italienern haben fünfundzwanzig Jahre kommerzielles Fernsehen von Berlusconi einen Teil ihres Gehirns genommen. Er hat sie formatiert und behandelt sie nun wie von ihm Formatierte. Die Italiener glauben an ihn, und daher kann er machen, was er will.“

          Das große Korrumpieren

          Die aktuellsten Aufnahmen der Dokumentation stammen vom Sommer des vergangenen Jahres. Auf Bilder und Stellungnahmen zu den diversen Sex-Affären Berlusconis verzichtet er ganz. Mehr noch, in guter alter öffentlich-rechtlicher Tradition bleibt das Privatleben völlig ausgespart. Und der Porträtierte selbst kommt ausgiebig zu Wort. „Ich bin“, darf er mithin gleich in der ersten Szene verkünden, „der beste Ministerpräsident, den Italien in seiner hundertfünfzigjährigen Geschichte je hatte“ - um nur wenig später im Brustton der Selbstüberzeugung hinzuzufügen: „Natürlich habe ich niemals jemanden korrumpiert.“

          „Corròmpere“: Wenn der fünfundachtzig Jahre alte Sergio Flamigni, einst Vorsitzender diverser Untersuchungsausschüsse des Parlaments, dieses Wort ausspricht, hat es alttestamentarische Wucht. Und wenn er, Antifaschist und Mitglied der kommunistischen Partei seit 1941, von der „penetrazione“ redet, von der Durchdringung der italienischen Gesellschaft durch die Mafia und der ihr verbundenen politischen Macht, entfaltet allein seine Rhetorik die Plausibilität der allerwahrscheinlichsten Wahrheit.

          Überhaupt ist dies ein durch und durch rhetorischer Film, in dem Berlusconis Gegner - neben Di Stefano und Flamigni vor allem der Mailänder Ex-Staatsanwalt Gherardo Colombo oder der Genueser Priester Don Gallo - nicht minder brillieren als Berlusconi selbst oder der Architekt Mario Catalano, der die Parteitage sowohl von „Forza Italia“ als auch von „Popolo della Libertà“, den beiden Berlusconi-Parteien, ganz in dessen Sinn inszenierte und inszeniert. Catalano nennt Berlusconi denn auch konsequent und ausschließlich: „il Leader“, den (An-)Führer.

          Antonio schläft gewiss gut

          Dass es dem inzwischen einundneunzigjährigen Licio Gelli, einst Gründer der Geheimloge P2, gefiel, den Filmemachern in seiner toskanischen Villa ein Interview zu gewähren, ist mehr als bemerkenswert und deshalb so etwas wie der Coup der Dokumentation. Sichtlich gut gelaunt antwortet Gelli auf die Frage, ob P2 Berlusconis Aufstieg mitfinanzierte, ihm etwa beim Aufbau des Fernsehkonzerns Mediaset oder beim Kauf des Verlages Montadori half: „Kann sein. Geld hilft immer.“

          Die schönste Szene ist dem Internet-Tagebuch eines ganz normalen Italieners nachgestellt: Antonio, so heißt der anonyme Held, lebt in einer Wohnsiedlung des Präsidenten Berlusconi, arbeitet in dessen Verlag, hat sein Auto bei ihm versichert, kauft in dessen Ladenketten ein, sieht dessen Fernsehprogramme und Kinofilme - und schläft ein über der Moderation „eines Lieblingsjournalisten des Präsidenten, der im von Präsidenten kontrollierten staatlichen Fernsehen arbeitet“. Antonio schläft gewiss gut.

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