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Aust-Dokumentation zum 11. September : Die Politik von Wut und Rache

  • -Aktualisiert am

Sarasota, Florida, 11. September 2011: Stabschef Andrew Card flüstert George W. Bush die Nachricht von den Angriffen auf das World Trade Center zu. Der Präsident besucht gerade eine Grundschule Bild: REUTERS

Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist nichts mehr, wie es war. Doch das liegt nicht nur an Usama Bin Ladin und Al Qaida. Amerika und der Westen insgesamt sind in eine Falle nach der anderen getappt, meint Stefan Aust. Sein ARD-Film beweist es.

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          Die Anschläge vom 11. September 2001 sind ein totales historisches Ereignis, eines, das Folgen für jedes einzelne gesellschaftliche Subsystem hatte. Zwar hieß es schon einen Tag später, nichts würde mehr so sein wie zuvor, aber richtig glauben mochte man es nicht, denn diese tiefen Veränderungen waren zunächst gar nicht zu spüren. Heute wissen wir: Dieser Schein der Normalität wurde unter enormen Kosten aufrechterhalten. Zehn Jahre nach den Anschlägen fällt es jedem Zeitungsleser leicht, die Symptome für eine tiefe Krise des Westens, vor allem der Vereinigten Staaten herunterzubeten. Jeder Amateurhistoriker kann heute mühelos das Ende des amerikanischen Zeitalters beschreiben. Nicht nur militärisch und finanziell ist die Weltmacht angezählt, sie ist vor allem demoralisiert und tief gespalten: Die beiden politischen Lager sind nicht mal mehr nahe genug beieinander, um sich anzubrüllen.

          Doch führt eine Linie von den Anschlägen des 11. Septembers 2001 zur moralischen, politischen und finanziellen Krise des Jahres 2011? So einfach ist es nicht, ist es nie. Die berühmtesten Fernsehbilder aller Zeiten, der Einsturz der Türme des World Trade Center, zerfallen, wenn man sie lange und nah genug betrachtet, zu Millionen von Pixeln. Sie hinterlassen eine Wolke von einzelnen Geschichten und zehn Jahre sind eine kurze Zeit, um sich einen Reim darauf zu machen.

          Moralisches und finanzielles Debakel

          Stefan Aust hat es jetzt versucht. Sein mit Detlev Konnerth realisierter Film „Die Falle 9/11“, der am Sonntag im Ersten gezeigt wird, ist eine fesselnde Komposition, die sich an einer ambitionierten These orientiert. Danach habe Usama Bin Ladin die Vereinigten Staaten mit den Anschlägen zu einem Gegenschlag, zu einer Invasion von Afghanistan provozieren wollen, wo ihnen das Schicksal der Sowjetunion blühen sollte: Erst der moralische, dann der militärische und schließlich wirtschaftliche Untergang. Hier berührt der Film sofort die deutsche Geschichte, das Schicksal der in Afghanistan eingesetzten Bundeswehrsoldaten.

          Fesselnde Komposition, ambitionierte These: Journalist Stefan Aust

          Dieses in seinem ganzen Elend darzustellen, ist eine Stärke des Films: Es ist erschütternd zu sehen, dass die hehren Worte, mit denen Politiker den Einsatz der Bundeswehr garnieren, in krassem Widerspruch zu den materiellen Bedingungen dieses Einsatzes stehen. Wenn sie von den Taliban angegriffen werden, können sich unsere Soldaten nicht mit schwerem Geschütz oder Kampfhubschraubern verteidigen, bisweilen fehlt ihnen sogar die Munition. Gegen einen Hinterhalt, wie dem am Karfreitag des vergangenen Jahres, ist die Bundeswehr nicht gerüstet, was auch eine Folge mangelnden politischen Mutes ist. Zum falschen Schein der Normalität gehörte es eben auch, den Krieg nicht beim Namen zu nennen und ihn schön billig zu führen.

          Folter- und Finanzdebakel

          So wurde der Afghanistankrieg zu einer Falle für schlecht ausgerüstete Soldaten und für afghanische Zivilisten, die aus einer blinden Höhe versehentlich zu Tode gebombt wurden. Doch zu einer welthistorisch wirkmächtigen Fehlentwicklung kam es ganz unabhängig von Usamas Verbrechen, der gar nicht damit rechnen konnte, dass ihm Saddam die Schau stehlen würde. Der Film rekonstruiert die fatale Entwicklung genau: Der Sicherheitskoordinator des Weißen Hauses zum Zeitpunkt der Anschläge, Richard Clarke, sagt im Interview, dass Verteidigungsminister Donald Rumsfeld schon am Abend des 11. September, die rauchenden Trümmer des Pentagons waren noch zu sehen, forderte, Saddam Hussein im Irak anzugreifen.

          Clarke sagt, er habe es zunächst für einen Witz gehalten, denn es sei doch klar gewesen, dass Al Qaida die Anschläge verübt und Saddam nichts damit zu tun hatte. Gewissermaßen als Replik darauf sagt Rumsfeld, Saddam habe aber zu jenen gehört, die den Vereinigten Staaten kein Beileid ausgesprochen hätten, er habe eine feindselige Haltung gepflegt. Der Irak wurde zu einem moralischen – im Film wird noch einmal die Folter von Abu Ghraib dargestellt – und finanziellen Debakel. Über dreitausend Milliarden Dollar hat der Krieg gekostet, während zugleich die Steuern gesenkt wurden. Und weil der Irak so viel Kraft verschlang, konnten die Taliban wieder erstarken. Es war eine Falle, die sich die Bush-Regierung selbst gestellt hatte, wobei das daraus resultierende Leid ganz andere Menschen befiel.

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