https://www.faz.net/-gqz-y8qk

ARD und ZDF scheitern an Ägypten : Wir sind nicht dabei gewesen

Mit dem Zweiten sieht man besser? Das ZDF zeigt die Kochshow „Die Küchenschlacht”, aufgenommen am 2. Februar 2011 um 14.58 Uhr Bild: ZDF

In Kairo bekämpfen sich Anhänger und Gegner Mubaraks - bei der ARD regnet es derweil „Rote Rosen“, im ZDF kocht Alfons Schuhbeck. Die großen öffentlich-rechtlichen Sender lassen sich von welthistorischen Momenten nicht aus der Ruhe bringen.

          Am Mittwoch kommt es in Kairo von 12.07 Uhr an zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern des noch amtierenden ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak – in den Nachrichtenkanälen zumal von CNN und BBC World News, mit einiger zeitlicher Verzögerung dann auch beim deutschen n-tv und für einige Minuten sogar im Parlamentskanal Phoenix sieht man dramatische, auch erschreckende Bilder eines zeitgeschichtlichen Augenblicks, der möglicherweise den Anfang eines Epochenwandels markieren wird.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Alsbald hat es dann erstmals den Anschein, als könne die aktuelle Situation außer Kontrolle geraten: Menschen in Rage, sich gegenseitig befeuernd oder sich zur Beherrschung mahnend, Steine fliegen hin und her.

          Man kann und will sich diesen Bildern nicht entziehen, zugleich ist man beeindruckt von der engagierten, empathischen, dabei stets professionellen Art, in der etwa Antonia Rados auf n-tv und die Reporter und Kommentatoren von CNN und BBC das unmittelbare Geschehen wiedergeben und versuchsweise einordnen. Man kann gar nicht umhin, sich dabei immer wieder an die Geschehnisse vom Herbst 1989 zu erinnern, an die Bilder von den Massendemonstrationen in der DDR, auch wenn die jetzige Situation in Kairo politisch damit kaum zu vergleichen sein mag. Sie ist es aber in jedem Fall für die Emotion, für das sorgenvolle Mitfiebern, kurzum: für das Gefesseltsein in der Zeitgenossenschaft des Augenblicks. So wird es früher Nachmittag.

          Das Erste zeigt - ebenfalls um 14:48 - die Seifenoper „Rotes Rosen”

          Nicht einmal ein Nachrichtenband

          Im ersten Programm des deutschen Fernsehens, in der ARD, überlegt sich zu dieser Zeit ein gewisser Tim in der Daily-Soap „Rote Rosen“ gerade, ob er einer gewissen Gesa Hoffnungen machen soll. Im ZDF gibt Alfons Schuhbeck den jovialen Conferencier in der „Küchenschlacht“. Nicht einmal ein Nachrichtenband am unteren Bildschirm irritiert die deutsche Frühnachmittagsgemütlichkeit. Es ist zum Haareraufen.

          Im ARD-Mittagsmagazin, das zwischen 13 und 14 Uhr auf dem Programm stand und in dieser Woche auch vom ZDF ausgestrahlt wird, hatte man zu den ägyptischen Weltaktualitäten zwar einen Beitrag mit Archivbildern zu Beginn, das Pflichtstück sozusagen, danach jedoch nahm uns die Moderatorin Hannelore Fischer alsbald wieder mit zu so brennenden Themen wie dem Modeln von Sportlerinnen, dem Sechstagerennen oder den Höhenflügen des Skispringers Severin Freund. So viel Normalität wirkt angesichts der Gleichzeitigkeit des ganz und gar Extraordinären durchaus obszön – und es spricht auch dann für das vollkommen fehlende journalistische, mehr noch: ethische Gespür bei ARD und ZDF, wenn man in Rechnung stellt, dass beide deutschen Hauptprogramme keine Nachrichtenkanäle sind oder sein können.

          Nun ist es ja keineswegs so, dass im Ersten und Zweiten kaum oder wenig über das aktuelle Ägypten berichtet würde. Am Dienstagabend etwa hatten sich beide Sender zu Extraausgaben nach den Hauptnachrichten entschlossen. Im Anschluss an die „heute“-Sendung von 19 Uhr zeigte das ZDF ein gut zehnminütiges „ZDF-Spezial“, das 4,8 Millionen Zuschauer einschalteten, die ARD sendete nach der „Tagesschau“ einen viertelstündigen „Brennpunkt“, dem fast sechs Millionen Zuschauer folgten. „Wo ist Mubarak?“, fragte der ZDF-Studioredakteur Theo Koll dabei den Kairo-Korrespondenten Dietmar Ossenberg. Er habe „keinerlei Information“, antwortete er, es sei aber „eine Rede angesagt, wann die kommt, wissen wir nicht“.

          Wir warteten jede Minute - und es kam nichts

          Dieses Wissen stellte sich im Lauf des frühen Abends dann ein. Als Claus Kleber am Dienstag um 21.45 Uhr das „heute“-Journal eröffnete, war klar, dass sich Mubarak noch „heute Abend“ zu Wort melden würde, das ägyptische Fernsehen werde diese „aufgezeichnete Rede“ dann ausstrahlen – „wir warten jede Minute darauf, wir werden sehen“.

          Weitere Themen

          Mehr Macht für Sisi

          Ägyptens Präsident : Mehr Macht für Sisi

          Das ägyptische Parlament hat einer Verfassungsänderung zugestimmt, nach der Sisi bis 2030 Präsident bleiben könnte. Oppositionelle kritisieren, dass das Regime seine Macht auch auf weitere Bereiche ausdehnt.

          Man soll sich ja auch mal entsetzen dürfen Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Van Gogh“ : Man soll sich ja auch mal entsetzen dürfen

          Warum sich dieses Opus anfühlt, wie ein Transformers-Film, nur andersrum, und warum man statt mit Popcorn zu werfen weder Adrenalin-Schauer bekommt, noch gerührt das Kino verlässt, aber sich doch vielleicht ein Malen-nach-Zahlen-Buch kauft, verrät Redakteur Dietmar Dath.

          Topmeldungen

           Es war nicht alles schlecht in der DDR. Es ist aber auch heute nicht alles schlecht.

          Ostdeutsche Wirtschaft : Warum es falsch ist, es allen recht machen zu wollen

          Im Osten fehlt es nicht so sehr an Arbeitsplätzen, sondern vor allem an Arbeitskräften. Doch die Politik will gleich alle Wähler beglücken, anstatt schon funktionierende Standorte noch attraktiver zu machen.
          Das Tanzverbot ist in Deutschland seit Jahren ein Streitthema.

          Tanzverbot oder nicht? : „Dieser Staat ist nicht getauft“

          Ist das Tanzverbot am Karfreitag noch zeitgemäß oder nicht? Diese Frage sorgt für heftige Debatten – auch in der Politik. FAZ.NET hat bei den Fraktionen im Bundestag nachgefragt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.