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ARD und ZDF: „Drei-Stufen-Test“ : Es ist abzusehen, dass das schiefläuft

  • -Aktualisiert am

Neue Angebote im Internet oder digitalen Fernsehen sollen zuvor mit dem „Drei-Stufen-Test” geprüft werden Bild: picture-alliance/ dpa

Angeblich will der MDR den Drei-Stufen-Test, mit dem die neuen Angebote der Öffentlich-Rechtlichen geprüft werden sollen, erproben. In Wahrheit führt der Sender ihn ad absurdum. Es wurde ein bürokratisches Monster geschaffen, dessen Aufwand in keinem Verhältnis zum Zweck steht.

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          Die Idee ist eigentlich eine gute: Wenn ARD und ZDF künftig neue Angebote aufnehmen wollen, ob im digitalen Fernsehen oder im Internet, soll zuvor durch einen „Drei-Stufen-Test“ geprüft werden, inwiefern diese Angebote wirklich notwendig sind - ob sie zur publizistischen Vielfalt beitragen oder, im Gegenteil, einen bereits existierenden Markt gefährden, den private Anbieter geschaffen haben.

          So sieht es der 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag vor, der vom 1. Juni an gilt. Dass der Mitteldeutsche Rundfunk den Drei-Stufen-Test schon vorher erproben will, um zwei neue Angebote für den öffentlich-rechtlichen Kindersender Kika zu testen, sieht zunächst danach aus, als gäbe es die generelle Bereitschaft, sich frühestmöglich den neuen Vereinbarungen zu verpflichten. Das Prüfverfahren aber, das ein Muster für künftige Tests hätte sein können, zeigt allerdings bloß, wo die Schwächen des Verfahrens liegen. Und es gibt eine kleine Vorschau darauf, wie sich der Drei-Stufen-Test künftig zum Krieg der Stellungnahme entwickeln könnte und am Ende doch das von den öffentlich-rechtlichen Sendern erwünschte Ergebnis bringt.

          Ein bürokratisches Monster

          Seit kurzem liegt dem MDR ein Gutachten des Bonner Beratungsunternehmens European Economic & Marketing Consultants (EE & MC) vor, das vom Sender damit beauftragt wurde, zu prüfen, wie sich der Start des Projekts „Kikaninchen.de“, einer Website für Vorschulkinder, auf die existierenden Marktverhältnisse auswirken könnte. Auf dieser Grundlage soll der Rundfunkrat des MDR am 21. September entscheiden, ob es Kikaninchen.de geben wird - oder nicht.

          Der MDR will testen, wie sich der Start einer Webseite vom Kinderkanal auf die Marktverhältnisse auswirkt

          Das Ergebnis des Gutachtens ist eindeutig: Das neue Kika-Angebot werde „die Konsumentenwohlfahrt zum Wohle der Vorschulkinder und der Gesellschaft erhöhen“, heißt es im Fazit - obwohl die Gutachter auch Auswirkungen auf den Markt für Privatanbieter prognostizieren.

          Seit Monaten äußern die öffentlich-rechtlichen Sender Bedenken, dass durch den Drei-Stufen-Test ein bürokratisches Monster geschaffen werde, dessen Aufwand kaum in einem akzeptablen Verhältnis zum eigentlichen Zweck stünde - und mit dem Monstergutachten, das sich der MDR jetzt ins Haus hat kommen lassen, scheinen sich die Bedenken zu bestätigen. 153 Seiten ist das Papier dick, vollgestopft mit bunten Diagrammen, Marktprognosen - und eine wunderbare Bestätigung für alle, die fürchten, dass Rundfunkräte künftig vollzeitbeschäftigt sein werden, wenn sie ihre Aufgabe ernst nehmen wollen und sich mit der Materie genauestens vertraut machen.

          Abenteuerliche Argumente

          Das eigentliche Problem des EE-&-MC-Gutachtens ist aber nicht sein Umfang, sondern die Tatsache, dass es in den wesentlichen Punkten völlig unklar bleibt. Schlimmer noch: Die Argumente der Gutachter zeigen, dass ein Drei-Stufen-Test, der sich auf Allgemeinheiten verlässt, sein Ziel nicht erreicht.

          Kikaninchen.de ist als Portal geplant, in dem Vorschulkinder spielerisch lernen sollen - mit Videos, Spielen, Interaktionsmöglichkeiten. Gleiches bietet der private Konkurrent Super RTL mit seinem „Toggolino Club“ an, seit dem vergangenen Jahr hat auch der zu MTV-Networks gehörende Konkurrent Nick ein vergleichbares Angebot geschaffen. Im Unterschied zu den beiden existierenden Portalen soll sich Kikaninchen.de allerdings nicht über ein Abonnement finanzieren, das die Eltern bei den Privatsendern erwerben müssen, um die Seite für ihre Kinder freizuschalten.

          Super RTL und Nick glauben, dass sie ihre (funktionierenden) Clubs dichtmachen können, wenn der öffentlich-rechtliche Konkurrent ähnliche Funktionen „kostenlos“ anbietet - obwohl das Angebot natürlich durch Rundfunkgebühren finanziert wird. Die Gutachter gehen ebenfalls davon aus, dass die „Nutzeraufmerksamkeit bei den privaten Anbietern in einem gewissen Umfang reduziert“ wird, halten diesen Effekt allerdings für vernachlässigbar - mit zum Teil abenteuerlichen Argumenten. Zum einen sei der Online-Markt ständig in Bewegung, so dass „zahlreiche neue Anbieter mit innovativen Produkten hinzutreten werden“, ähnlich wie sich Google und Youtube „quasi über Nacht“ entwickelt hätten. Die „Wettbewerbsintensität“ sei so hoch, dass es auf einen Anbieter mehr oder weniger - zum Beispiel Kikaninchen.de - gar nicht ankomme.

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