https://www.faz.net/-gqz-112pm

ARD-Spielfilm „Mogadischu“ : Terror in Reinkultur

Flugkapitän Jürgen Schumann im Duell mit „Kapitän” Mahmud, dem Anführer der Terroristen Bild: ddp

Dieser Film macht alles richtig: Am Sonntag sendet das Erste ein Fernsehspiel, das die Entführung der Lufthansamaschine „Landshut“ im Oktober 1977 in Szene setzt. „Mogadischu“ ist beklemmend, packend - und zugleich wahrhaftig.

          4 Min.

          Auf diesen Film musste man einunddreißig Jahre, einen Monat und dreizehn Tage warten. So lange hat es gedauert, bis jemand im deutschen Fernsehen die Geschichte des sogenannten deutschen Herbstes und des Terrors der RAF aus der angemessenen Perspektive erzählt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Bis jemand den Focus auf das richtet, was zwischen dem 13. und dem 18. Oktober 1977 in der von vier palästinensischen Terroristen entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“ und am Tag darauf geschah, an dem der Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer ermordet wurde. Zu zeigen, was Terror ist, welche Perversion er darstellt, was er bei den Opfern anrichtet, das hat gefehlt. Bis jetzt. Bis jetzt, da es in einmalig intensiv künstlerischer und dokumentarischer Weise am Sonntagabend im Ersten um nichts anderes geht als das, wovon der Titel spricht: „Mogadischu“.

          „Der Tag der Niederlage der RAF“

          Mogadischu, das war Terror in Reinkultur. Das war ein politisches Lehrstück aus dem Kalten Krieg, das war Quälerei und Schikane, das war Judenhass und die Wiederkehr der Selektion - in einem deutschen Flugzeug, von palästinensischen Terroristen im Namen eines deutschen Linksterrorismus -, das war eiskalter Mord - die Hinrichtung des Flugkapitäns Jürgen Schumann -, das war eine glückliche Befreiung und Glanzleistung der GSG 9, das war das Todesurteil für den entführten Hanns Martin Schleyer, das war die härteste Stunde der Bewährung für die deutsche Nachkriegsdemokratie und das war - „der Tag der Niederlage der RAF“. Denn an diesem Tag musste noch dem letzten klar werden, dass sich ihr „Kampf“ nicht gegen ein abstraktes Staatsgebilde und dessen Repräsentanten richtete, sondern gegen eine nach Werten geordnete Gesellschaft und deren Individuen. Gegen den Bundeskanzler, gegen einen Piloten und gegen 82 weitere Passagiere, Kinder und Alte.

          Einer der Landshut-Entführer (Mohcine Nadifi) bedroht die Stewardess Gabi Dillmann (Nadja Uhl)
          Einer der Landshut-Entführer (Mohcine Nadifi) bedroht die Stewardess Gabi Dillmann (Nadja Uhl) : Bild: ARD Degeto/Stephan Rabold

          Es ist Hans-Jochen Vogel, der damalige Justizminister, der diesen Tag als denjenigen der Niederlage der RAF ausweist. Er formuliert dies im Gespräch mit dem Mann, der hinter „Mogadischu“ steht und nicht vor der Kamera erscheint - dem Dokumentaristen und Drehbuchautor Maurice Philip Remy. Er hat jahrelang recherchiert, um die Perspektiven zu ordnen und auf alle Fragen Antworten zu bekommen, die auch nach Heinrich Breloers „Todesspiel“ vor elf Jahren noch offenblieben. Wie hing die RAF mit der palästinensischen Terrorgruppe PFLP zusammen? Was waren deren Hintergründe? In wessen Auftrag handelte der PFLP-Chef Wadi Haddad? Was machte der Pilot Jürgen Schumann in den letzten zwanzig Minuten seines Lebens auf dem Flugplatz von Aden, bevor er in die Maschine zurückkehrte und von Mahmud, dem Anführer der Kidnapper, erschossen wurde?

          Dreh in einer 40 Grad heißen Sardinenbüchse

          All diese Fragen beantwortet der Film „Mogadischu“ im historischen Kontext wie selbstverständlich und en passant. Denn zunächst haben der Regisseur Roland Suso Richter und der Kameramann Holly Fink einen packenden Thriller ausgerichtet. Nicht zum ersten Mal gestaltet Richter seine Versuchsanordnung so, dass die Schauspieler und Statisten gar nicht anders können, als in ihren Rollen aufzugehen. In „Dresden“ sperrte er sie in eine Flammenhölle, in „Mogadischu“ steckt er sie in eine fliegende Todeszelle. In einem Hangar auf dem stillgelegten Stadtflughafen von Casablanca stand die Boeing 737, in der Richter drehte. Vierzig Grad war es da drinnen heiß, es blieb wenig Luft zum Atmen, der Müll stapelte sich, und niemand durfte über Stunden aus der Kabine heraus.

          Weitere Themen

          „Yellowstone“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Yellowstone“

          Die erst Staffel der Serie „Yellowstone“ ist beim Streamingkanal Sony AXN zu sehen.

          «Gabriel» von George Sand Video-Seite öffnen

          Spielplanänderung : «Gabriel» von George Sand

          Jella Haase, bekannt aus „Fack ju Göhte“ und „Berlin Alexanderplatz“, entdeckt unter der Regie der jungen Regisseurin Laura Laabs die Abgründe des kapitalistischen Systems und das anarchistische Wesen des weiblichen Geschlechts in einem bislang noch nicht uraufgeführten Text der französischen Schriftstellerin George Sand.

          Warten auf Weihnachten

          Kunstauktionen in Wien : Warten auf Weihnachten

          Im Dorotheum und bei Kinsky kommt alte und neue Kunst zum Aufruf. Von Jan Brueghel bis zu Christo reicht das adventliche Angebot.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.