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ARD-Reihe „Liebe an der Macht“ : Politik als Privatsache

Auch ein kritischer Ansatz kann die Obama-Show nicht entzaubern: „Liebe an der Macht” widmet sich Barack und Michelle Obama Bild: WDR/dpa

„Die Ohren stehen ab, aber ich liebe ihn so sehr“ - Die dritte Staffel der ARD-Reihe „Liebe an der Macht“ stellt drei Paare vor, die man sich gegensätzlicher kaum vorstellt: Michelle und Barack Obama, Hannelore und Helmut Kohl, Carla Bruni und Nicolas Sarkozy.

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          Das Private ist das Politische, mit dem Privaten wird Politik gemacht, und ohne das Private scheint Politik nicht möglich, zumindest nicht, politische Macht zu erlangen. Das ist die Lehre, die man aus der dritten Staffel der ARD-Reihe „Liebe an der Macht“ ziehen kann. Drei Paare stellt sie vor, die man sich als solche gegensätzlicher kaum vorstellt: Michelle und Barack Obama, Hannelore und Helmut Kohl, Carla Bruni und Nicolas Sarkozy.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Wollte man der inhaltlichen Chronologie folgen, müsste der Film von Michael Wech über Hannelore und Helmut Kohl am Beginn stehen. Sie erscheinen als das Paar mit der klassischen, heute überholt scheinenden Rollenverteilung: Ohne sie hätte er seine Karriere nicht gemacht, doch trat sie stets zurück. Nur einmal erscheint Hannelore Kohl vor ihrem Mann im Bild, in Berlin, als sich die deutsche Einheit anbahnt. Ihre Pflichterfüllung erscheint grenzenlos bis in die Tage ihrer schweren Erkrankung hinein. Ob Helmut Kohl gewusst hat, wie sehr seine Frau litt? Das fragt der Film so vorsichtig, wie er das Verhältnis zwischen dem ehemaligen Bundeskanzler und seiner Bürochefin Juliane Weber beleuchtet. Er kommt, auch dank unveröffentlichter Aufnahmen aus dem Frühjahr 1998, die der Produzent Stephan Lamby beisteuert, Hannelore Kohl so nahe wie kein Filmporträt zuvor. Im Grunde ist es ein Nachruf, am Ende zitiert der Autor aus dem Abschiedsbrief, den Hannelore Kohl ihrem Mann schrieb, bevor sie ihr Leben beendete: „Ich bewundere Deine Kraft, möge sie Dir erhalten bleiben. Du hast noch viel zu tun.“

          Wenn politische Beobachter zu Gesellschaftsreportern werden

          Michelle und Barack Obama bewundern sich gegenseitig und flirten in aller Öffentlichkeit, sind sich ergeben - wovon auch die meisten Beobachter, die Francesca D'Amicis, Petra Höfer und Freddie Röckenhaus zu Wort kommen lassen, hingerissen sind. Es ist ein einziger Fanclub, der sich dort versammelt, und sosehr sich die Autoren bemühen, in ihren Kommentaren aus dem Off Distanz zu schaffen zu der Inszenierung, mit der Musik, die sie einsetzen, und den Bildern, die sie zeigen, entzaubern sie die Obama-Show gerade nicht. Tränen der Rührung stehen dem Wahlvolk in den Gesichtern, wenn Michelle Obama ihren Mann im Wahlkampf mit den Worten ankündigt: „Da ist dieser Typ. Er ist irgendwie süß, er ist dünn, die Ohren stehen ab, aber ich liebe ihn so sehr.“ Zu den Gesellschaftsreportern, die in dem Kohl-Film in Maßen erscheinen, mutieren im Fall der Obamas all die, die sich für politische Beobachter halten.

          Ein politisches Paar: Hannelore und Helmut Kohl 1998 in Sankt Gilgen am Wolfgangssee
          Ein politisches Paar: Hannelore und Helmut Kohl 1998 in Sankt Gilgen am Wolfgangssee : Bild: WDR/dpa

          Wie es um die Liebe zwischen Carla Bruni und Nicolas Sarkozy bestellt sei, suchen Ellen Ehni und Florian von Stetten zu ergründen. Dem Präsidentenberater, der sich hier meldet, erscheinen Bruni und Sarko als „das“ Paar des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Woran die Autoren jedoch ihre Zweifel haben und sich fragen, ob die beiden einander tatsächlich lieben oder nicht vielleicht eher in die Macht verliebt und deshalb zusammen sind. Dass sich Sarkozy bei aller Berechnung wie ein Junge Hals über Kopf in Carla Bruni verknallt habe, will der Präsidentenberater sicher erkannt haben. Dagegen steht Carla Brunis Satz: „Mein Traummann hat Macht.“

          Dass derlei Konstellationen, ob echt oder gespielt, glücklich oder tragisch, nur ansatzweise Hinweise auf die Fähigkeiten eines Politikers geben, für erfolgreiche Politik nun gar kein Garant sind und auch eine große Lüge sein können - Privatopium fürs Volk - steht zwischen den Zeilen. Welche Zumutung es wiederum bedeutet, das Privatleben in den Dienst des politischen Geschäfts zu stellen, erkennt man am deutlichsten in dem Film über Hannelore und Helmut Kohl. Ob Angela Merkel und Joachim Sauer auch einmal in dieser Reihe auftauchen?

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