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Amerikas Nachrichtensender : Die Zuschauer wollen keine Journalisten sehen

Konservativer Kämpfer gegen Obama: Fox-Mann Bill O'Reilly Bild: ASSOCIATED PRESS

Was „Wandel“ unter Obama für Amerikas Nachrichtenfernsehen heißt, bekommt CNN zu spüren. Parteiische Krakeeler mögen die Zuschauer, neutrale Moderatoren haben keine Chance.

          Obamas Botschaft vom „Wandel“ hat Millionen Menschen in Amerika verzückt, weil sie eine Verheißung war - auf das Ende des kleingeistigen Parteiengezänks und der extremen politischen Polarisierung in Washington und überall im Land. Schon mit seiner denkwürdigen Rede beim Nominierungsparteitag der Demokraten für den damaligen Präsidentschaftskandidaten John Kerry vom 27. Juli 2004 hatte sich Obama als künftiger Einiger mit der griffigen Formel präsentiert: „Es gibt nicht das linke und das konservative Amerika - es gibt die Vereinigten Staaten von Amerika.“

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Hundert Tage nach Obamas Amtsantritt sind die Vereinigten Staaten tiefer vom politischen Zwist geprägt als je zuvor. Schuld sind wie eh und je die anderen. Zwar erfreut sich der Präsident, wie das Meinungsforschungsinstitut Gallup ermittelt hat, einer stattlichen Zustimmungsquote zu seiner Amtsführung von 64 Prozent der Amerikaner. Doch der „Meinungsgraben“ zwischen Demokraten und Republikanern ist so breit und tief wie nie zuvor: Während 88 Prozent der Anhänger der Demokraten mit Obama zufrieden sind, stimmen ihm unter den Republikanern gerade einmal 27 Prozent zu - eine Diskrepanz von 61 Prozentpunkten.

          Offener „Kulturkampf“

          Dieser zuweilen als offener „Kulturkampf“ um Streitfragen wie Abtreibung, Homosexuellenehe, Stammzellforschung oder auch die Außen- und Sicherheitspolitik ausgetragene politische Zwist prägt die amerikanische Gesellschaft seit den sechziger Jahren. Auslöser war vor allem der Streit um den Vietnam-Krieg. Seit Menschengedenken hat kein Präsident - nicht einmal Richard Nixon - schon in der Frühzeit seiner Amtszeit die Wählerschaft so tief gespalten wie Obama: Bei George W. Bush lagen die Meinungen der Anhänger der beiden Parteien 51 Prozentpunkte voneinander entfernt, beim letzten demokratischen Präsidenten Bill Clinton waren es 45 , beim gemäßigten Republikaner George H. W. Bush 38 und beim klassischen Südstaats-Demokraten Jimmy Carter sogar nur 25 Prozentpunkte.

          Den Umstand, dass „Wandel“ unter Obama politischer Pendelschwung und nicht politischer Paradigmenwechsel heißt, bekommt nun auch der Nachrichtensender CNN zu spüren. Der hatte in der Wahlnacht und bei der Amtseinführung kurzfristig seine Führungsstellung unter den „Cable News“ wiedererrungen. Doch jetzt liegt CNN, wo man sich nach eigener Aussage um parteipolitische und weltanschauliche Neutralität oder jedenfalls um den Mittelweg bemüht, wieder abgeschlagen hinter dem konservativen Sender Fox News. Der hat seit Jahren unter den Nachrichtensendern die meisten Zuschauer zur wichtigsten Sendezeit am frühen Abend und zumal in der für die Werbewirtschaft entscheidenden Alterskohorte zwischen 25 und 54 Jahren. Seit Obamas Amtsantritt ist Fox News zudem zu einer Art Kampfrefugium konservativer Konsumenten von Fernsehnachrichten geworden, weil diese sich selbst von CNN und schon gar vom offen linken Sender MSNBC nicht informiert sehen, sondern angefeindet fühlen.

          Sehr leichte Fernsehkost

          Für CNN sind die Zuschauerzahlen vom März deshalb besorgniserregend, weil das traditionsreiche „Schlachtross“ unter den Nachrichtensendern nicht nur von Fox News überholt wurde, sondern auch von MSNBC. Im vergangenen Monat schauten zur besten Sendezeit am frühen Abend durchschnittlich 328.000 Zuschauer zwischen 25 und 54 Jahren CNN, beim Marktführer Fox News waren es 628.000 und bei MSNBC 375.000. In diesem Monat fiel CNN mit durchschnittlich 271.000 Zuschauern hinter Fox News mit 668.000 und MSNBC mit 300.000 Zuschauern noch weiter zurück - und zwar sogar auf den vierten Rang hinter den CNN-Ableger „Headline News“ (HLN), der auf durchschnittlich 277.000 Zuschauer kam. HLN bringt extrem kurze Nachrichtenzusammenfassungen, viele Berichte aus dem Showgeschäft und ist überhaupt meist sehr leichte Fernsehkost.

          Die Zugpferde von Fox News sind Bill O'Reilly, der den Sendeplatz um acht Uhr abends beherrscht, dazu in den folgenden Stunden Sean Hannity, Greta Van Susteren und der jüngst von CNN abgeworbene Glenn Beck. Sie betreiben Kampagnenjournalismus von rechts gegen Obama, während bei MSNBC Keith Olbermann zur besten Sendezeit um acht Uhr und anschließend Rachel Maddow sowie Chris Mathews Kampagnenjournalismus von links für Obama dagegenhalten. Zwischen diesen Mühlsteinen drohen Campbell Brown, Larry King und Anderson Cooper zerrieben zu werden. Und jetzt wird CNN auch noch vom selbst erfundenen Leichtgewicht HLN überholt.

          Noch verdient CNN gutes Geld - für dieses Jahr wird nach fünf Jahren stetigem Gewinnzuwachs ein abermals erhöhter Profit von gut 450 Millionen Dollar erwartet -, doch der Prestigeverlust schmerzt. „Nur ein Nachrichtensender unter den Kabelkanälen liefert die Nachrichten unvoreingenommen und neutral“, sagt Jon Klein, der Chef des amerikanischen CNN-Inlandsenders. Bei den Konkurrenten seien zur besten Sendezeit „keine Journalisten“ auf Sender. Das Problem für CNN ist, dass in der politisch extrem aufgeheizten Stimmung offenbar immer mehr Konsumenten von Fernsehnachrichten zur besten Sendezeit auf den Kabelkanälen genau das sehen und hören wollen: „keine Journalisten“.

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