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Am Tatort vom „Tatort“ : Ein Fall für 44 Millionen Kommissare

Bild: FAZ.NET - Andreas Brand

Der „Tatort“ ist die meistgesehene deutsche Krimireihe. Aber wo werden die Folgen gedreht? Der Szenenbildner Klaus-Peter Platten hat in Baden-Baden drei Kommissariate unter demselben Dach eingerichtet. Ein Besuch von Hubert Spiegel (Text) und Andreas Brand (Video).

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          In keiner Amtsstube in ganz Deutschland wird weniger gearbeitet als in dieser: Nur an neun, höchstens an fünfzehn Tagen im Jahr lassen sich die Beamten hier blicken, die übrige Zeit stehen ihre Büros leer. Auf den Schreibtischen setzen die Akten Staub an, das Kaffeemehl in der altertümlichen italienischen Espressomaschine nähert sich dem Zustand der Versteinerung. Das Ludwigshafener Kriminalkommissariat ist ein verwunschener Ort, der nur dreimal im Jahr zum Leben erwacht. Dreimal im Jahr wird hier ein Fall bearbeitet, jedesmal geht es um Mord, und jedesmal wird das Verbrechen aufgeklärt. Im Durchschnitt sehen mehr als sieben Millionen Menschen dabei zu.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Klaus-Peter Platten hat diese Amtsstube für die „Tatort“-Kommissare Lena Odenthal und Mario Kopper entworfen. Vor den Büros gibt es einen Gang, auf dem Aktenschränke und alte Kopiergeräte stehen, an den Wänden sorgen künstliche Schmutzränder für die Illusion von Patina und Alltagsleben. Eine gläserne Schwingtür mit dem rheinland-pfälzischen Landeswappen führt ins Treppenhaus des Gebäudes. Ein Stockwerk höher ist man schon in Konstanz. Im zweiten Stock befindet sich Stuttgart. Draußen ist Baden-Baden.

          Früher einmal haben hier die Kinder französischer Armeeangehöriger, die in Baden-Baden stationiert waren, die Schulbank gedrückt. Vor einigen Jahren hat der Südwestrundfunk die Gebäude auf dem ehemaligen französischen Kasernenareal angemietet, um hier für die drei „Tatort“-Teams in seinem Sendegebiet Kommissariate einzurichten: Ulrike Folkerts ermittelt als Lena Odenthal in Ludwigshafen, Richy Müller als Thorsten Lannert in Stuttgart und Eva Mattes als Klara Blum in Konstanz. Jetzt sind alle drei Kommissariate unter einem Dach, außerdem hat Klaus-Peter Platten, Szenenbildner des SWR, hier noch die gemeinsame Wohnung von Lena Odenthal und ihrem Kollegen Mario Kopper untergebracht: Küche, Flur, eine Art Gemeinschaftsraum und Koppers Wohnhöhle. Auf dem Boden liegt eine Matratze, das Bettzeug ist verwühlt, die Stereoanlage aus den achtziger Jahren steht auf dem Fußboden, daneben stapeln sich die Schallplatten: „Gogo Zone“ und „The Controllers“. Damit schlägt man jeden Einbrecher in die Flucht.

          Lena Odenthal (Ulrike Folkerts, r.) in ihrem Kommissariat

          Unverwechselbares Profil

          Jeder Ermittler, jedes „Tatort“-Team soll ein eigenes, unverwechselbares Profil entwickeln. Jeder Kommissar braucht Eigenarten, Marotten, einen Charakter. Er soll eine Geschichte haben und ein Privatleben, wobei seine Geschichte auch daraus bestehen kann, warum er kein Privatleben mehr hat. Und jeder „Tatort“ soll auf eine gewisse Weise mit der Stadt verbunden sein, in der die Fälle spielen.

          Wer die Frage stellt, warum es beim „Tatort“ überhaupt so viele verschiedene, über ganz Deutschland verstreute Ermittler geben muss, bekommt eine spröde Antwort: „Die ARD als Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands sieht sich dem Föderalismus und der Förderung der Regionen in besonderer Weise verpflichtet. Die neunzehn Ermittlerteams aus „Tatort“ und „Polizeiruf 110“ tragen dazu auf unterhaltsame und sehr erfolgreiche Weise bei.“

          Das ist nicht übertrieben. Der „Tatort“, der mit der Folge „Taxi nach Leipzig“ am 20. November 1970 erstmals ausgestrahlt wurde, ist auch nach über siebenhundert Folgen nach wie vor die meistgesehene deutsche Krimireihe. Fast 44 Millionen Deutsche haben im vergangenen Jahr einen „Tatort“ gesehen, das entspricht sechzig Prozent der Bevölkerung. Rein rechnerisch hat sich jeder Deutsche in seinem Leben bislang vierzehn Folgen angeschaut, also etwa einen Tag seines Lebens mit dem „Tatort“ verbracht. So viel Erfolg weckt Begierden.

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