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Ägyptenkrise bei ARD und ZDF : Die kapieren nicht

Virtuell, aber nicht schnell: Im ZDF-Nachrichtenstudio Bild: dpa

ARD und ZDF haben nicht verstanden, was an ihren Berichten zu Ägypten falsch wirkt. Die Kritik daran parieren sie mit Hinweisen auf die schwierige Lage vor Ort. Es fehlt das Gespür für historische Momente.

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          Nur unzureichend, meint Kai Gniffke, der Chefredakteur von ARD-aktuell, also der Nachrichtenredaktion, die für „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ verantwortlich ist, sei in den vergangenen Jahren über Ägypten berichtet worden. „Nicht hinreichend gewürdigt“ worden sei, dass „in Ägypten Ausnahmerecht herrscht“. Gniffke nimmt sich bei der Kritik nicht aus, bezieht aber andere - „viele Medien“ - mit ein und lenkt somit ab - vom Versagen von ARD und ZDF in ihren Hauptprogrammen am Dienstagabend.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Denn da hielt der ägyptische Präsident Husni Mubarak eine Rede, die über Krieg und Frieden in seinem Land und darüber hinaus entscheiden konnte. Es war eine historische Rede, es war, es ist ein historischer Moment, wie ihn dieses Land und die Welt 1989 erlebt haben. Seit diesem Augenblick muss jedem klar sein, was auf dem Spiel steht, dass der Weltfrieden von dem Geschehen in Kairo abhängt, und seither mehren sich die Zeichen, dass der Apparat mit allen Mitteln zurückschlägt und den friedlichen Protest mit äußerster Gewalt niederzuschlagen gewillt ist, was auch die Journalisten zu spüren bekommen, auf die - von Handlangern des Regimes - regelrecht Jagd gemacht wird.

          Das ist Kleinkram

          Nachrichtensender wie CNN und Al Dschasira waren auf diesen Augenblick gefasst, sie hatten die Rede und im Nu die Reaktionen darauf. Es ist schon klar, dass das erste und das zweite deutsche Fernsehprogramm solche Nachrichtenkanäle nicht sind, aber ihr routiniertes Trägheitsverhalten und Denken in Sendeformaten - das „ZDF spezial“ kommt nach „heute“, der ARD-“Brennpunkt“ stets nach der „Tagesschau“ - entschuldigt das nicht.

          Dass von Ägypten am Mittwochvormittag zehn Mal die Rede war und es den ganzen Tage über Liveschaltungen gab, worauf der ARD-Chefredakteur Gniffke pocht, versteht sich von selbst. Das ist schließlich die Top-Nachricht dieser Tage. Und auch der Verweis auf den digitalen Infokanal Eins extra verfängt nicht, weil den längst nicht alle sehen können. Das ist Kleinkram. Mubaraks Rede am Dienstagabend kam - gegen 22 Uhr - eigentlich genau richtig für das „heute journal“ und die „Tagesthemen“, erwischte die auf Routine laufenden Redaktionen aber auf dem falschen Fuß (siehe ARD und ZDF scheitern an Ägypten: Wir sind nicht dabei gewesen).

          Niemand redet mehr vom Sonnenschirm

          Makaber erscheint der Hinweis des ZDF-Chefredakteurs Peter Frey. Er sagte nicht nur, die Nachrichtenredaktionen machten einen exzellenten Job, sondern: „An allererster Stelle steht jedoch die Sicherheit unserer Kollegen in Ägypten.“ Das ist selbstverständlich richtig. Keine Nachricht nimmt man erleichterter auf, als jene, dass die junge Redakteurin, die gerade im Auftrag der „New York Times“ und des ZDF aus Ägypten berichtet (und schon häufig für diese Zeitung geschrieben hat), wieder in Sicherheit ist. Diese Ausnahmereporterin war für ihre Auftraggeber schon an den gefährlichsten Orten der Welt. Sie war festgenommen worden und saß zwanzig Stunden lang in einem Gefängnis des Geheimdienstes.

          Auch andere Berichterstatter riskieren das Äußerste und es würde niemandem einfallen, ihren Einsatz gering zu schätzen. Doch das ist nicht das Thema. Das Thema ist das fehlende Gespür für den historischen Moment. Wir haben noch die flapsige Bemerkung im Ohr, mit der sich im ZDF der Moderator Theo Koll bei dem Korrespondenten Dietmar Ossenberg erkundigte, ob er seinen Sonnenschirm darauf verwette, wie es mit dem Mubarak-Regime wohl weitergehe. Am Mittwoch musste sich Ossenberg vor laufenden Kameras vom Balkon retten, da ihn jemand mit einem Laserpointer erfasste. Niemand redet mehr vom Sonnenschirm. Unter diesem sitzen nicht Korrespondenten, sondern die in der Heimat.

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