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Abschied vom Sonntag: „Anne Will“ : Es war fast immer wie immer

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Wie geht es weiter? Anne Will im Studio Bild: dpa

Es gibt einen Grund dafür, warum jedes Thema bei „Anne Will“ zuerst aufgeblasen und dann mit schwachen Gästen verwässert wird. Heute kommt die Talkshow der verpassten Chancen zum letzten Mal am Wochenschluss. Eine Bilanz und ein Ausblick.

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          Sie hatte einen Becher mit Kaffee oder Tee vor sich stehen, aber dem Termin fehlte jede Gemütlichkeit. Baroness Buscombe, die Vorsitzende des britischen Presserates, war am Dienstag zu Gast bei Andrew Neil in dessen BBC-Sendung „Daily Politics“. Neil hatte nach neuen Enthüllungen über die Abhörpraktiken der „News of the World“ eigentlich nur eine Frage an sie: Gibt es irgendetwas Sinnvolles, das der Presserat in dieser Sache getan hat? Weil Baroness Buscombe darauf nur mit Floskeln und Ausflüchten reagierte, wiederholte Neil die Frage gnadenlos immer wieder, in zunehmend verächtlichen Formulierungen.

          Zwischendurch war die Presseratsfrau so in die Ecke getrieben, dass sie ihn versehentlich mit „Neil“ ansprach, als sei das sein Vorname. Fast neun Minuten dauerte das grausame Schauspiel, und am Ende hatten die Zuschauer einen umfassenden Eindruck von der Lächerlichkeit dieses Gremiums.

          Für Engländer hatte die Szene angesichts der Ungeheuerlichkeit der Vorwürfe vielleicht eine kathartische Wirkung; als deutscher Zuschauer nahm man aufs Neue eine große Leerstelle im eigenen Fernsehen war: Es gibt kaum eine Sendung, in der Menschen mit Macht, Einfluss oder Verantwortung im konzentrierten und notfalls aggressiven Zwiegespräch in die Zange genommen werden. Das war einmal anders. In den achtziger Jahren fühlte Claus Hinrich Casdorff im WDR in „Ich stelle mich“ Prominenten auf den Zahn; vor zehn Jahn setzte Michel Friedman in der ARD Politiker einem halbstündigen Stresstest aus; und dann gab es in den „Tagesthemen“ eine Moderatorin Anne Will, die es immer wieder schaffte, erhellende, gelegentlich entlarvende Gespräche zu führen.

          Selbst die Kritik ist Ritual

          Leider moderiert sie stattdessen seit vier Jahren eine wöchentliche Talkshow, morgen zum letzten Mal am vermeintlich prestigeträchtigen Termin sonntags nach dem „Tatort“. Es ist nicht so, dass sie ihr Talent dabei gar nicht zeigen kann. In der jüngsten Sendung konfrontierte sie den FDP-Europaabgeordneten Jorgo Chatzimarkakis gut gelaunt damit, dass man das richtige Zitieren in wissenschaftlichen Arbeiten, das er in seiner Promotion so dramatisch vernachlässigte, eigentlich im ersten Semester lernt. Sie versuchte zwar vergeblich, ihn zu einer Aussage zu bringen, ob er von seinem Mandat zurücktritt, falls die Universität in seiner Arbeit ein Plagiat sieht. Aber auch dieses Scheitern war erhellend.

          Es war ohnehin eine ungewöhnliche Ausgabe von „Anne Will“, weil sie sich über weite Strecken vergleichsweise konkret mit diesem einzelnen Fall und den Fragen beschäftigte, die sich unmittelbar aus ihm ergeben. Das war angenehm, aber natürlich nicht ausreichend. Diskutiert werden musste unter dem Motto „Die Blender-Republik - wie weit kommt frech?“ - ein Blender-Titel. Deshalb war außer Chatzimarkakis und Anke Domscheit-Berg, die von Anne Will allen Ernstes als „Internet-Anhängerin“ vorgestellt wurde, unter anderen auch Bertram Quadt zu Gast, ein Radiomoderator, der sich dadurch als Teilnehmer für die Runde qualifiziert hatte, dass er nicht studiert hat und mit vollem Namen Bertram Graf von Quadt zu Wykradt und Isny heißt, das meiste davon aber weglässt.

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