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„66/67 - Fairplay war gestern“ : Eintracht in Braunschweig

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Das lief nicht rund: Der Heiratsantrag im Fußballstadion war für Christian ein Schuss ins Leere Bild: © ZDF/Oliver Feist

Sechs Männer in ihren Dreißigern, zusammengeschweißt von ihrer Leidenschaft für Bier und den örtlichen Fußballverein. Jetzt zeigt Arte Carsten Ludwigs und Jan Christoph Glasers großartiges Generationenporträt.

          Wenn Deutschland als Ganzes träumen könnte, dann müsste Braunschweig entstehen. Bei dieser Dichte von weißgefliesten Metzgereien, wo stämmige Fleischer die Artistik des zärtlich geschwungenen Hackbeils pflegen; bei diesen Raststätten, wo die Currywurst noch nach Frittiertem aus dem Schwimmbad-Kiosk schmeckt; und bei diesen Fußball-Fans, die ewigtrunken und tapfer an das Verharren ihres Vereins in der Dritten Liga glauben - da stimmt noch das bundesrepublikanische Gleichgewicht. Da ist Westdeutschland noch Westdeutschland und ein bestelltes Bier noch ein gezapftes Pils.

          Das Leben ist kein Ponyhof

          Doch trügt nicht der Schein? Ist die heile Welt, die sich die sechs Jungs in Carsten Ludwigs und Jan Christoph Glasers herausragendem Film „66/67 - Fairplay war gestern“ in ihrem „Eintracht Braunschweig“-Vereinszimmer aufgebaut haben, nicht pure Realitätsflucht? Der Anführer Florian (Fabian Hinrichs) würde nach einer solchen Frage sofort an die Decke springen: „Mensch! Hier geht's um was! Hier geht's um alles!“ Nämlich um eine archaische Männerfreundschaft, in der sechs in die Jahre gekommene Thirtysomethings (eigentlich clevere Leute aus anständigen Familien) immer noch an ihre alten, sinngebenden Rituale glauben: Bier saufen, Fußball gucken, sich nach den Spielen die Mäuler einhauen, wieder saufen, an die Zeit zurückdenken, als Eintracht Meister wurde (Saison 1966/67; lang ist's her, nie erlebt), um dann wieder schleunigst in die triste Realität zurückzukehren, zurück in die mittelmäßigen, nicht nach Plan verlaufenden Leben, wo die quengelnde Freundin wartet, der kleinkarierte Boss bei der Polizei, der reiche Vater mit dem Geld und die abgewrackte Kneipe an der Ecke. Das Leben ist kein Ponyhof, doch hier, unter den Jungs, da stimmt noch alles. Da ist jeder für jeden da. Studienabschluss hin oder her.

          In diesem Drama, oder besser: in dieser Komödie unserer Seele geht es nicht um Fußball. Es geht um die Wirklichkeit, um das echte Leben, so dass man dieses Werk als einen der wenigen und wichtigen deutschen Generationenfilme der Gegenwart bezeichnen kann. Denn diese sechs Menschen, von denen die beiden Regisseure erzählen, stehen für ein Gefühl, das omnipräsent und doch unausgesprochen ist, das existiert und doch nicht vermittelt werden kann - weil jene, die es fühlen, das Potential, aber nicht die Kraft dazu haben, davon zu erzählen. Sie sind viel zu sehr damit beschäftigt, sich vor dem Erwachsenwerden zu drücken, Verantwortungen zu vermeiden und die Leistung ihres angestrengten Müßiggangs in griffige Formeln zu packen: „Das Bekenntnis, versagt zu haben, ist die Königsdisziplin.“ Das macht das Ausfüllen des Hartz-IV-Bogens erträglicher.

          So toll kann Berlin nicht sein

          Florian ist hierbei jene Person, die den ideologischen Kitt zusammenrührt: Die Bedeutung der eingebrannten Zahl „66/67“ auf seiner Brust ist ihm wichtiger als Stabilität, als ein Job in der Firma seines Vaters oder die Zärtlichkeit der verständnisvollen Özlem (phantastisch gespielt von Melika Foroutan) - eine Frau, die erst nur eine Bettgeschichte ist, dann sich aber ungewollt in eine Art Freundin verwandelt. (Von Liebe würde Florian niemals sprechen. Es heißt dann eher: „Ich mag dich ganz gern.“) Doch als die Schauspielerin in die Hauptstadt zieht, um ein Engagement am Berliner Ensemble anzunehmen, winkt Florian bei allen weiteren Annäherungsversuche ab. Braunschweig aufgeben? Für Berlin? Ach was! So toll kann's ja nicht sein. „In anderen Städten reden die Menschen auch nur über andere Städte.“ Und dann ist sie weg. Ohne ihn.

          Man spürt also in jeder Silbe dieses brillant zusammengefügten, mit großartigem Tempo voranschreitenden Dramas, dass die Blase einer auf Träumereien aufgebauten Wirklichkeit irgendwann zerplatzen muss. Der tägliche Stumpfsinn und die tiefe Traurigkeit, die hinter den vagabundierenden Existenzen steckt, ist sozialer und psychologischer Natur. Bindungsangst, Nostalgie, Drogen, das Klammern an Hobbys und den lokalen Mannschaftssport, das Nicht-einfinden-Können in einer flexiblen, auf Karriere fixierten Gesellschaft, das heroische und an der Heroik zerschellende Gerede von Freundschaft - all das muss der Wirklichkeit Platz machen. Und was verrät uns die Wirklichkeit in Deutschland 2011? Schlicht: Es eine Lüge ist, dass man alles werden, alles erreichen und alle Ziele erklimmen kann.

          Die Tore sind gefallen

          Dass der Film dann eine makabre Wendung nimmt und in eine zwischen „Fight Club“ und „Das Schweigen der Lämmer“ changierende Pathologie-Dramatik gerät, ist nur ein Beweis für den Spürsinn des Drehbuchschreibers Carsten Ludwig, der den richtigen Takt für einen konsistenten Spannungsaufbau findet. Keine Spur von Langeweile, die sich als Intellektualismus tarnt. Deshalb ist es ungemein wirkungsvoll, wenn das Drama nach verstörenden Wendungen in die melancholische Ausgangslage zurückkehrt und dabei die Schlusspassage aus Flauberts „Erziehung des Herzens“ paraphrasiert. Denn auch dort blickt der Protagonist Frédéric auf sein gescheitertes Leben zurück und flüstert seinem guten Freund Deslauriers den abschließenden Satz ins Ohr: „,Das ist doch das Beste, was wir erlebt haben!' -,Ja, vielleicht wirklich? Das ist das Beste, was wir erlebt haben!' sagte Deslauriers.“

          In „66/67“ wird die Essenz dieses Schlusses in einer Schmiererei auf einer Toilettentür verdichtet: „Das Chaos ist aufgebraucht ... Es war die schönste Zeit.“ Das ist dann so wie im Fußball: Die Tore sind gefallen. Das Ergebnis steht fest. Die Mannschaft geht vom Platz. Und dann, wenn es schon zu spät ist, erkennt man müde und traurig: Ja, das Spiel ist aus.

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