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60 Jahre ARD : Wie sie wurden, was sie sind

Man glaubt es kaum: Nur zwei Jahre (von 1976 bis 1978) und sechs Folgen lang präsentierte, nein: zelebrierte Vicco von Bülow zusammen mit Evelyn Hamann „Loriot”. Sie bleibt ein Klassiker ersten Rangs. Bild: SWR

Die ARD begeht ihr sechzigjähriges Bestehen. Sie feiert sich damit etwas zu früh. Und beim Schwelgen in der Vergangenenheit kommt der Blick auf die Gegenwart zu kurz. Gleichwohl dürfen sich die Schatzkisten der Archive nun öffnen.

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          Was die ARD zu leisten imstande ist, wenn sie zu Hochform aufläuft, war in den letzten Tagen am Beispiel eines Dokumentarfilms zu sehen, den ihr so schnell niemand nachmacht. Die Rede ist von „Aghet“, der eindrucksvollen Recherche des NDR-Autors Eric Friedler über den Völkermord an den Armeniern. Er trug nicht nur die Zeugnisse über den Genozid zusammen, die weltweit verstreut in Archiven liegen, sondern wusste diese auch eindringlich zu präsentieren. Schauspieler trugen die Texte vor und machten die Schilderungen von Zeitzeugen gegenwärtig. So gegenwärtig, wie es sein muss, da die türkische Regierung sich bis heute weigert, die historischen Fakten anzuerkennen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Der Film lief zunächst im Ersten, leider zu einem späten Abendtermin, und dann, diesmal zur besten Sendezeit, auf dem Spartenkanal Phoenix, ergänzt um eine Diskussion, die zeigte, warum das Geschehen, das sich in der Türkei zwischen 1915 und 1918 ereignete, kein Thema von gestern ist. Es berührt einen zentralen Punkt der türkischen Staatsdoktrin und damit eine Kernfrage der europäischen und internationalen Politik. Denn wie will die EU ein Land aufnehmen, das seine Vergangenheit leugnet?

          Oder nehmen wir ein zweites Beispiel - den kürzlich gelaufenen Film des Autors und Regisseurs Niki Stein „Bis nichts mehr bleibt“, der vom Schicksal eines Scientology-Aussteigers handelte. Minutiös recherchiert und als Kammerspiel inszeniert, war dies das angeblich erste fiktionale Stück über die Sekte. Der Erkenntnisgewinn war beträchtlich, der Zuschauerzuspruch enorm: 8,7 Millionen Menschen haben das Stück gesehen.

          Man glaubt es kaum: Nur zwei Jahre (von 1976 bis 1978) und sechs Folgen lang präsentierte, nein: zelebrierte Vicco von Bülow zusammen mit Evelyn Hamann „Loriot”. Sie bleibt ein Klassiker ersten Rangs. Bilderstrecke

          Die Gesamtreisekosten sähe man mal gern

          Gut, dass es die ARD gibt, kann man da nur sagen. Gut, dass es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, und gut, dass es ein paar Mutige gibt, die eine unbequeme Wahrheit aussprechen, und dass diese von einem System getragen werden, das für unabhängigen Journalismus steht und anbrandende Kritik aushält - vor dem Hauptstadtstudio in Berlin, beim NDR in Hamburg, der den Film produzierte, aber auch beim SWR in Mainz gab es Demonstrationen gegen „Aghet“, die Stimmung war aufgewühlt, die Dreharbeiten zu „Bis nichts mehr bleibt“ fanden unter Geheimhaltung statt.

          Doch was heißt schon „die ARD“? Ein Autor, ein Regisseur, ein Redaktions- oder ein Fernsehspielchef und ein Produzent sind zu loben, dann der Intendant des Senders und schließlich - am Ende - der föderale Sendeverbund, durch dessen Beratungsapparat solche Filme erst einmal hindurchmüssen, bevor sie auf den Bildschirm kommen. Für diesen Teil der Arbeit braucht es fast so viel Energie wie für den kreativen. Außenstehende machen sich keinen Begriff von der Redundanz, für welche die ARD steht mit ihren neun Landessendern, der Zentrale des ersten Programms in München, dem Nachrichtenhauptquartier „ARD aktuell“ in Hamburg, dem Hauptstadtstudio in Berlin und der zentralen Filmproduktion namens Degeto in Frankfurt, um nur die wichtigsten Stationen zu nennen. Wer in der ARD Abteilungsleiter, Chefredakteur, Programmdirektor, Intendant und erst recht ARD-Vorsitzender wird, der sitzt auf gepackten Koffern und lernt die Republik kennen, zumindest ihre Bahnhöfe und Flughäfen. Die Gesamtreisekosten pro Jahr sähe man gern einmal.

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