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Fernsehen : Wie Napoleon Europa doch noch einte

Paneuropäisches Großunternehmen: Der Fernseh-Vierteiler „Napoleon” Bild: ZDF / Arnaud Borrel

Das langgehegte Projekt war nur durch Ausspielen der europäischen Karte zu finanzieren: Jetzt schlägt der Korse seine Schlachten auf deutschen Fernsehschirmen.

          4 Min.

          War der schmächtige Korse italienischer Abstammung, Kaiser der Franzosen und für kurze Zeit Herrscher über Europa, nun ein gottloser Despot oder doch ein tragischer Held? Ein Hochstapler, der Hunderttausende auf seinem Irrweg in den Tod führte, oder der Wegbereiter der Moderne? War er ein Aufklärer oder ein autoritärer Reaktionär, Stratege oder Schlächter? Zu den bisher etwa vierzigtausend Büchern und gut hundert Filmen über Napoleon Bonaparte, die auf diese Fragen mindestens ebenso viele Antworten parat haben, gesellt sich dieser Tage eine Fernsehserie, die bei ihrer Ausstrahlung in Frankreich zu einem regelrechten Napoleon-Fieber geführt hat.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Eines aber belegt die vielstimmige Napoleon-Exegese: Er war nicht nur ein großer Feldherr, sondern ein mindestens ebenso gerissener PR-Stratege in eigener Sache. Die wichtigste Schlacht im Leben des Generals war die um seinen Platz in der Geschichte. Daß die internationale Großproduktion "Napoleon", die das ZDF von heute an ausstrahlt, zu den teuersten in der Geschichte des Fernsehens gehört, zeigt einmal mehr, wer diese Schlacht gewonnen hat.

          Der passende Darsteller

          Wie der Titelheld soll die Fernsehserie Geschichte schreiben. Für das ehrgeizige Ziel haben Produzenten aus Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, Kanada und Ungarn weder Kosten noch Mühen gescheut. 30,9 Millionen Euro hat die Geschichte über Aufstieg und Fall Napoleons gekostet. Allein für den deutschen Partner, die Kirch-Media, die "Napoleon" im Auftrag des ZDF mitproduziert hat, war es der teuerste Fernsehfilm überhaupt. Daß die Kirch-Media noch vor der deutschen Fernsehpremiere Insolvenz anmelden mußte, verleiht dem kühnen Projekt eine weitere dramatische Note.

          Andere Größen des Filmgeschäfts, Stanley Kubrick etwa, sind an Napoleon bereits gescheitert. Der amerikanische Regisseur hatte ein fertiges Drehbuch in der Schublade und suchte nur noch nach dem passenden Darsteller. Er hat ihn nie gefunden. Deshalb war Gérard Depardieu, der geistige Vater des "Napoleon"-Projekts, "so froh", wie er während der Dreharbeiten bei Paris einmal erzählte, als er Christian Clavier für die Rolle entdeckte. Er sah den Schauspieler in "Les Misérables" in der Uniform eines Waterloo-Soldaten und wußte: "Das ist Napoleon."

          Einig Fernsehvolk

          Nicht wenigen der Kollegen, die sie spielten, ist die Rolle schlecht bekommen. Der Schauspieler Albert Dieudonné hat über sie gar den Verstand verloren. Auch Clavier, der in Frankreich vor allem durch komische Rollen bekannt geworden ist, verschlug es die Sprache, als er sich zu Beginn der Dreharbeiten das erste Mal in der Uniform des Generals sah. Dieser kleine, schmallippige Mann im Spiegel, der ihn mit ernsten Augen anstarrte, "das war nicht ich - das war er, Napoleon", erinnert sich Clavier. Sieht man den Franzosen heute abend auf dem Bildschirm, wie er in Schnallenschuhen und tailliertem Rock durch die Tuilerien schreitet, staunt man in der Tat nicht schlecht über die äußerliche Anverwandlung des Schauspielers.

          Gérard Depardieu ist es indes nicht nur gelungen, den richtigen Hauptdarsteller zu finden. Sein größter Coup war es, die Finanziers zu überzeugen, und zwar mit der Vision eines vereinten Europa. Wenn sich dies schon in der Politik kaum verwirklichen läßt und im Kino schon gar nicht, Europa im Kampf gegen Hollywood hoffnungslos unterlegen ist, so soll wenigstens die europäische Fernsehmacht ein einig Volk werden und den Amerikanern die Stirn bieten. Auch der französische Produzent Jean-Pierre Guerin ließ während der Dreharbeiten keine Zweifel aufkommen: "Bei ,Napoleon' geht es um viel mehr als nur um Fernsehen." Wer die Schlacht um die Deutungshoheit auf dem Fernsehbildschirm gewinnt, herrscht über einen riesigen Markt.

          Mangelnde Distanz

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