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Fernsehen : Sorge und Erleichterung: Zum Ende des Literarischen Quartetts

Selten einmütig: die Dauerbesetzung des Literarischen Quartetts Bild: dpa

Vor der letzten Sendung des "Literarischen Quartetts" zeigen sich die Buchhändler besorgt - und die Schriftsteller erleichtert.

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          13 Jahre, 77 Sendungen und rund 400 besprochene Bücher ist die erfolgreichste Kultursendung im deutschen Fernsehen "alt", wenn das Literarische Quartett an diesem Freitagabend ein letztes Mal nach der Sendung den Vorhang zu gehen lässt.

          Alle Fragen offen? "Wunderbare Werbetrommel" hieß das Quartett um Marcel Reich-Ranicki in Verlegerkreisen. Ein Marketing-Instrument kann man es allerdings nicht nennen, höchstens für die lustvolle Beschäftigung mit Literatur im Allgemeinen, ließ sich doch Auswahl der und Urteil über die in jeder Sendung besprochenen Bücher nicht beeinflussen. Während viele Schriftsteller und Literaturfreunde die Art der Auseinandersetzung, ihre fernsehgerechte Polemik und Oberflächlichkeit, verurteilten, hat der Buchhandel von der Sendung profitiert. "Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels", erklärt Dieter Schormann, Vorsteher dieses Verbandes der Verlage und Buchhandlungen, "bedauert" die Einstellung "außerordentlich".

          "Deal mit Literatur-Surrogaten"

          Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass sagte zum Ende der Sendung, er habe sich das Literarische Quartett nie angeschaut, weil er "den Sinn dieser Sache nicht gesehen" gesehen habe. Elfriede Jelinek sagte, sie verfolge die Sendung nicht, weil sie "es nicht ertrage, wenn Menschen fertig gemacht werden". Ob sich die Schriftstellerin dabei auf die Mitstreiter Reich-Ranickis bezog, die sich manche Zurechtweisung gefallen lassen mussten, oder auf die kritisierten Kollegen, wurde nicht überliefert.

          Die Schriftsteller jedenfalls lässt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in ihrer Freitagsausgabe zu Wort kommen. Getrennt in ein "Quartett der Besprochenen" und eines "der Beschwiegenen", äußern sich unter anderen Ingo Schulze, Felicitas Hoppe und Thomas Hettche zum letzten Vorhang der Literatursendung. Schulze gesteht, er habe sich "immer für das Quartett interessiert, es aber nahezu kontinuierlich verpasst". Felicitas Hoppe jubelt: "Jetzt darf ich endlich Romane schreiben!" - Und wünscht sich das eloquente, aber auch gestenreiche Quartett als Stummfilm zurück. Und Thomas Hettche sieht die Bedeutung Reich-Ranickis darin, dass der Kritiker an einem Endpunkt steht: "Literatur hört auf, im Fernsehen stattzufinden, und das 'Literarische Quartett' hat gezeigt, wie man stattdessen erfolgreich mit ihren Surrogaten dealt."

          Solo-Improvisation vor Publikum

          Reich-Ranicki selbst, inzwischen 81-jähriger "Literaturpapst", gibt sich "erleichtert und glücklich" über die Gelegenheit, nach dem Ende des Literarischen Quartetts etwas Neues machen zu können. Das ZDF plant eine Sendung, die Reich-Ranicki alleine moderiert. Themen seien außer Literatur auch Film, Fernsehproduktionen und vielleicht Theater und Oper. "Ich lasse mich nicht festlegen. Eine halbe Stunde vor der Sendung werde ich noch nicht sicher sein, was ich mache", sagt er. Die Sendung solle "improvisiert, lebendig, temperamentvoll" und nicht abgelesen sein. "Einen Teleprompter brauche ich nicht, den habe ich im Kopf."

          Ob der zukünftige Solist auch die Meinungsvielfalt, den Widerspruch, die Wechselrede - damit die Würze zumindest des Literarischen Quartetts - in seinem Kopf haben wird, oder womit er sie andernfalls ersetzten wird, bleibt abzuwarten.

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