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Fernsehen : Sie verdanken ihr Leben nicht dem Zufall, sondern dem Mut

Flucht durch Berlin: Aaron Altaras und Nadja Uhl in „Nicht alle waren Mörder” Bild: SWR/teamWorx/Stephan Rabold

Als Junge ist der Schauspieler Michael Degen um Haaresbreite dem Holocaust entkommen. Er hat ein Buch darüber geschrieben, die ARD daraus einen Film gemacht: das stille Gegenstück zu „Dresden“, eine Moritat, ein Appell.

          „Vergeßt nicht: Es gibt euch nicht.“ Mit diesem Satz mußte der junge Michael Degen zwei Jahre lang leben. Es waren die letzten beiden Jahre des Naziregimes, in denen noch die wenigen letzten in Deutschland lebenden Juden vernichtet werden sollten. Michael Degen und seine Mutter Anna entgehen im März 1943 ganz knapp dem Zugriff der SS. Während die Nachbarn aus der Wohnung gezerrt werden, reißen sie sich den Judenstern von der Jacke und gehen los, vorbei an den Lastwagen im Hof, auf denen auch sie deportiert werden sollten - doch wohin?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Von einem Versteck zum anderen, von einer Familie zu nächsten, die sie unter Todesgefahr verbergen. „Vergeßt nicht: Es gibt euch nicht“, sagt Ludmilla Dimitrieff, bei der Anna und Michael Degen so lange unterkommen, bis deren Wohnung ausgebombt wird. Während Ludmilla im Salon ein privates Klavierkonzert gibt, hocken sie im Dunkeln in ihrem Zimmer und - werden von einem Gast der Musizierstunde entdeckt. Der Fliegeralarm verhindert, daß er sie denunzieren kann. Als sie schon gewiß sein dürfen, daß dies ihr Ende ist, kommen sie noch einmal davon.

          Rettung durch leisen, unauffälligen Widerstand

          Doch es ist nicht der Zufall, dem sie ihr Leben in dieser Situation wie in vielen weiteren verdanken; es sind die Menschen, bei denen sie Unterschlupf finden, die sie retten. Ihrer zu gedenken, hatte sich der Schauspieler Michael Degen vorgenommen, als er sein Leben in dem Buch „Nicht alle waren Mörder“ aufschrieb. Für den Südwestrundfunk hat der Regisseur Jo Baier aus dem Buch einen Film gemacht, wie wir ihn auch in der ARD mittlerweile höchst selten mehr sehen. Es ist das stille Gegenstück zu „Dresden“, ein Kammerspiel, eine Moritat, die an die Vernichtung der Juden erinnert, indem sie die Geschichte der großen Ausnahme erzählt, die Geschichte einer wundersamen Rettung durch leisen, unauffälligen Widerstand, ein Appell für Zivilcourage unter den denkbar gefährlichsten Umständen. So etwas ins Fernsehen zu bringen, dafür ist Jo Baier genau der Richtige.

          Michael Degen mit dem Hauptdarsteller Aaron Altaras

          Das Pathos seines Films ist so unscheinbar, daß man es beinahe übersieht. Denn die Menschen, um die es geht, sind Helden, die nichts Heldenhaftes haben, sie bleiben Menschen in einer unmenschlichen Zeit, und sie helfen dem jüdischen Jungen und seiner Mutter auch nicht immer aus hehren Motiven, dem einen oder der anderen geht es schlicht um die „Penunze“.

          Jede Nebenrolle ein Ereignis

          „Wir haben ein Geschäft zusammen, nicht wahr?“, sagt etwa Ludmilla Dimitrieff, die so viel Gefallen an ihrem jungen Logiergast findet, daß sie ihn nachts zu sich ins Bett holt, wovon Michaels Mutter nichts wissen darf, sonst wäre es mit dem Versteck vorbei. Bei Oma Teuber gibt es für die beiden nur einen Platz auf dem Sofa, die Betten hat die Alte allesamt vermietet, und ihre Töchter gleich mit. Trotzdem sind Mutter und Sohn dort sicher, bis Anna Degen auf der Straße von zwei Gestapo-Leuten angehalten wird. Ihr Sohn Michael geht auf der anderen Straßenseite vorbei, leise wimmernd, denn er weiß, daß sie seine Mutter gefangen haben. Doch wieder gerät er an jemanden, der es gut mit ihm meint und den herumirrenden Jungen nicht ausliefert, sondern nach Hause bringt, wo seine Mutter ihn bang erwartet. „Nach Hause“, das ist das nächste Versteck, in dem die beiden wiederum nicht lange bleiben können.

          Das Schauspielerensemble, das Jo Baier versammelt, ist herausragend. Wirklich jeder macht seine Nebenrolle zu einem Ereignis, allen voran Katharina Thalbach als derb-laute Oma Teuber, Dagmar Manzel als Martchen Schewe, bei der die Degens zuletzt unterkommen, und Axel Prahl als Erwin Redlich. Dieser Mann erkennt sofort, daß der kleine Michael, der sich Max nennt und in einer HJ-Uniform herumläuft, um mit Redlichs Sohn Rolf auf die Straße gehen und draußen spielen zu können, Jude ist. Warum, das erfährt Max alias Michael erst, als sein Freund Rolf stirbt - in den Armen des Vaters, nachdem er den schwerverletzten Jungen auf seinem Rücken durch den Wald geschleppt hat.

          Nicht mal als Käfer

          Aaron Altaras spielt Michael Degen, und wie er das tut, das beschreibt der Schauspieler kurz und bündig und nicht übertrieben selbst: „Wenn ich ihn von hinten gesehen habe, dachte ich: Das bin ich. Aaron Altaras war von vornherein ich.“ Nichts mußte Degen dem Jungen erklären, weil - der Antisemitismus auch in Aarons eigene Gegenwart hinreicht, ins Jahr 2006, in dem ein Junge, der in Berlin lebt, bisweilen lieber nicht verrät, daß er Jude ist. Beim SWR kann man im Internet (www.swr.de/nicht-alle-waren-moerder) das Gespräch anhören und nachlesen, das Aaron Altaras und Michael Degen über diesen Film und über ihre Erfahrungen als Juden in Deutschland geführt haben. Es bezeugt, wie der Antisemitismus Juden in Deutschland heute auf Schritt und Tritt begegnet. Nadja Uhl schließlich spielt Anna Degen, eine Frau, die ihrem Sohn und den Zuschauern oft rätselhaft herrisch und hart erscheint. Doch begreift man schnell, warum sie ist, wie sie ist.

          Die Beiläufigkeit, mit welcher der Schrecken der Nazizeit und die allgegenwärtige Bedrohung Gestalt annehmen, ist das Herausragende an diesem Film. Ihm gelingt, was zuletzt die Verfilmung der Klemperer-Tagebücher nicht vermochte. An seinem Ende bringt erst das jüdische Totengebet Anna und Michael Degen die Freiheit und das Leben zurück. „Jetzt bin ich wieder Anna. Anna Degen“, sagt Michaels Mutter. Die geliebte Martchen Schewe, die für den Jungen, obwohl eine Fremde, zur Tante wird, beschließt ihr Dasein mit einer anderen Einsicht: „Ich möchte nicht mehr auf die Welt kommen“, sagt sie auf dem Sterbebett, „nicht mal als Käfer.“

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