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Fernsehen : Schnellschuss: Das ZDF und die Computer-Krieger

Drei Tage Dauerbeschuss: Counterstrike-Turnier in Göttingen Bild: ZDF

Vor einer Woche zeigte die ARD eine bemerkenswerte Doku über Counterstrike-Spieler. Jetzt zieht das ZDF nach - hat aber außer Klischeebildern nichts zu bieten.

          Wer zuvor noch nie von dem Computerspiel Counterstrike gehört hatte, dessen Urteil stand seit der Bluttat von Erfurt fest: Der virtuelle Terrorkampf, dem sich auch der Mordschütze Robert Steinhäuser gewidmet haben soll, hat eine Generation pubertärer Zeitbomben herausgebildet, die jederzeit die digitale Waffe gegen eine echte eintauschen würden. In seiner ARD-Dokumentation „Kriegsspiele“ zeigte Marcus Vetter am vergangenen Dienstag ein ganz anderes Bild: Bei den Counterstrike-Spielern, die der Filmemacher über Monate begleitet hatte, handelte es sich ausnahmslos um freundliche, erstaunlich reif wirkende Jugendliche, denen es nicht aufs Töten, sondern vor allem auf den Teamgeist ankam.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Genau eine Woche nach der ARD präsentiert nun auch das ZDF einen Counterstrike-Film: „Erschießt alle!“ lautet der reißerische Titel von Francesca D'Amicis' Dokumentation, die an diesem Dienstagabend um 22.45 Uhr in der Reihe „37 Grad“ gezeigt wird. Auch der Untertitel wartet schon mit klarem Urteil auf: „Die seltsame Welt der Computer-Krieger“.

          Die Spur nach Erfurt

          Und seltsam ist es ja in der Tat, wenn sich rund 2.500 meist junge Menschen in einer Halle in Göttingen treffen, um einen drei Tage währenden Counterstrike-Wettkampf auszufechten, bei dem unzählige Computer-Figuren sowie Berge von Chips, Bier und Cola vernichtet werden. Geschlafen wird nur kurz und auf Isomatten, und am Ende wirken selbst die härtesten Kämpfer angeschlagen. Tauschen möchte der Zuschauer in seinem Fernsehsessel wahrlich nicht mit ihnen; er kann sich aber durchaus vorstellen, dass sie bei ihrem Treiben viel Spaß haben. Wie ja auch Menschen bei der Loveparade, beim Ironman oder beim Mallorca-Gruppenurlaub Spaß haben können.

          Spaß aber versteht Francesca D'Amicis nun gar nicht. Sie scheint mit dem festen Willen angereist, hier in Göttingen die direkte Spur nach Erfurt zu finden. Wie der ARD-Kollege Vetter stellt auch sie einen Counterstrike-Clan in den Mittelpunkt, diesmal mit dem Namen „Mortal Teamwork“.

          Eigentlich realistisch

          Vetter zeigte die Protagonisten seiner Langzeitstudie längst nicht nur als Spieler, sondern auch in anderen Situationen, mit ihrer Familie am Esstisch und in der Schule, und gab dem Zuschauer somit die Möglichkeit, ihre verschiedenen Persönlichkeiten zu erkennen. Die „Mortal Teamwork“-Kämpfer hingegen bleiben so flach wie ihre Computer-Bildschirme, vor denen D'Amicis sie fast ausschließlich zeigt: eine Freakshow mit kuriosen Gestalten, die täglich ihren Mousepad polieren, ihre Computer mit zusätzlichen Ventilatoren ausstatten und beeindruckendes Spezialwissen über Waffen offenbaren.

          Allerdings erst, nachdem sie die Autorin danach gefragt hat, was sie in ihrem Film immer wieder tut. „Schaltest du komplett ab, wenn du spielst, du siehst dann kein Blut mehr?“, erkundigt sie sich. Den Einwand ihrer Gesprächspartner, dass hier doch nur ein virtueller und kein echter Krieg geführt werde, lässt D'Amicis nicht gelten: Schließlich seien die Waffen „so gut abgebildet“, dass sie „eigentlich realistisch“ wirkten.

          Da fliegen die Fetzen

          Offensichtlich war der Beobachtungszeitraum von gerade drei Tagen nicht ausreichend für Francesca D'Amicis, um all die verräterischen Kommentare potentieller Steinhäusers einzufangen, die sie sich gewünscht haben mag. So muss sie selbst für das martialische Vokabular sorgen, lässt „die Fetzen fliegen“, gegnerische Teams „gedemütigt“ werden und schließlich überall „Opfer“ herumliegen, die sich freilich nur aufs Ohr gelegt haben. Ansonsten behilft sie sich mit peitschender Musik und lässt mehrfach Computer- und Fernsehbild eins werden: So ausgiebig präsentiert sie dem Publikum aus nächster Nähe die Counterstrike-Schlachten, dass man meinen könnte, so ganz könne sich auch die Reporterin der Faszination des Spiels nicht entziehen.

          Wenigstens ganz am Ende ihres Films tut der Counterstrike-Spieler Christoph der ZDF-Frau den Gefallen und bekennt, dass es ihm einfach Spaß mache, mit einer Waffe herumzulaufen und „rumzuballern“. Eine Steilvorlage für Michael Steinbrecher, der im Anschluss an die Reportage mit Experten diskutieren soll - und sonst herzlich wenig Stoff hätte. Diskussionswürdig scheint freilich auch der Niedergang der einst renommierten ZDF-Reihe „37 Grad“, die früher die bekannten Pfade des Dokumentarismus gern verließ und heute viel zu oft den einfachsten Weg wählt. Man muss die Counterstrike-Spieler nicht mögen; ein echtes Interesse für sie sollte man aber schon mitbringen, wenn man über sie einen Film dreht.

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