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Fernsehen : Roseannes Kindereien

  • -Aktualisiert am

Fernsehstar auf Abwegen: Roseanne Barr Bild: ProSieben

Fast wäre ein neues Medienphänomen entstanden, als im Vorjahr zufällig zwei Reality-Fernsehteams aufeinander trafen: Meta-Reality-TV. Damals haben „The Osbournes“ der "Real Roseanne Show“ das Feld überlassen. Leider.

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          Fast geprügelt sollen sie sich haben, als am Rodeo Drive im letzten Jahr vor laufenden Kameras Reality-Fernsehteam auf Reality-Fernsehteam traf und die eine Partei der anderen nicht nur nicht weichen wollte, sondern dreist und lautstark pöbelnd begann, die Osbourne-Familie einfach mitzufilmen. Es ist halt eng in Beverly Hills in Zeiten, da Hinz und Kunz sich in Fernsehshows vermarkten. Hätte die Entourage des Altrockers damals nicht unter Protest das Feld geräumt, wäre das Resultat der Kameraattacke jetzt bei ABC zu bestaunen, und die Philosophen des Virtuellen hätten ein neues Phänomen entdeckt: Meta-Reality-TV! Die Spiegelung der inszenierten Authentizität im feindlichen Auge. Die Kulturindustrie filmt ihre gefräßigen Kinder. Oder so ähnlich. So aber hatten bloß die Klatschblätter das Vergnügen und das Team der "Real Roseanne Show" am Ende freie Bahn.

          Daß Roseanne Barr einen Groll gegen Ozzy Osbourne hegt, ist verständlich. Ende der Achtziger hat "Roseanne" die Familie im Fernsehen schon einmal neu definiert. Statt Dr. Huxtables wohlerzogenen Kleinen, die nur Friede, Freude und Eierkuchen kannten, gab es in "Roseanne" die widerspenstige Darlene, und über die brave Becky wurde ganz unkorrekt hergezogen, selbst von der eigenen Mutter. Diese war laut, faul, frech, manchmal rührend und oft witzig. Zusammen mit John Goodman als Dan führte sie der Nation vor, daß Erotik und Sex am Hungerhaken falsch aufgehängt sind. Die Connors waren keine Bilderbuchfamilie, sie küßten und schlugen sich und liebten einander heiß und innig - sie waren realistisch vor dem Realityfernsehen. Sie waren die Osbournes der frühen Jahre. Der Niedergang begann, als Roseanne Barr sich die kreative Kontrolle über "Roseanne" erkämpfte und über den Scripts wütete. 1997 endete "Roseanne" mit der schlechtesten überhaupt vorstellbaren Finalsaison.

          Geblieben ist der Selbstdarstellungsdrang

          Roseanne kämpfte mit Terroristen, ihr Mann hatte einen Herzinfarkt am Hochzeitstag der Tochter, zuvor hatten sie noch in der Lotterie das große Los gezogen. Und ganz am Ende, als Roseanne versuchte, Molly Blooms Monolog zu imitieren, verriet sie: Die Connors hatte es so nie gegeben; Dan war gestorben; Roseanne hatte sich alles nur ausgedacht; Gott existiert und ist weiblich und rundlich. Kurz darauf verlor Roseanne Barr auch ihre Talkshow. Aber nicht den Drang, die bunten Blätter mit Neuigkeiten zu versorgen. Aus drei Ehemännern wurden gefühlte fünfundzwanzig, ihre Kinder kamen - wie Jack Osbourne, nur früher - erst in die Drogenrehabilitation, dann zum Psychiater. Vater und Mutter wurden öffentlich vorgeführt. Brustreduktionen und Magenbypassoperation mit minutiös verfolgter Gewichtsabnahme sorgten dafür, daß das Rampenlicht keinen Moment lang ausging.

          Ihr geplantes Fernsehcomeback ist bisher allerdings nur zum Teil gelungen. Vielleicht, weil Ozzy das Etikett "White Trash mit Pfiff" fest in den zittrigen Händen hält und seine Frau Sharon, über deren Magenbypassoperation man leider auch viel lesen muß, gegen Roseanne Barr wie ein ätherisches Wesen mit Stil und Klasse wirkt. Doch vor allem, weil "The Real Roseanne Show", in der etliche Familienmitglieder, Rabbis und Psychiater aufmarschieren dürfen, nicht richtig witzig ist. Das mag daran liegen, daß die Hauptdarstellerin und Egozentrikerin wie Madonna und Monica Lewinsky die zu Binsenweisheiten eingedampfte Lifestyle-Version der Kabbala für sich entdeckt hat.

          Der vorläufige Tiefpunkt

          "The Real Roseanne Show" begleitet Roseanne Barr jetzt dabei, wie sich alles um Roseanne Barr dreht, die vergeblich versucht, den Sendern Court TV und Food Network ihre Celebrity-Kochshow zu verkaufen. Zu den peinlichen Verhandlungen mit Disneys Kabelkanal ABC Family rücken die Produzenten, Sohn Jake und Schwiegersohn Jeff, mit Donuts an und landen prompt einen Hit. Sobald "The Real Roseanne Show" bei ABC ausgelaufen sein wird, startet das Dilettanten(ab-)kochen "Domestic Goddess" bei ABC Family. Nannte man so etwas nicht früher einmal Schleichwerbung?

          Daß Roseanne Herrn R.J. Cutler rumgekriegt hat, ihre Realityshow zu produzieren, aber ist schon bitter. Einst war er für die Clinton-Dokumentation "The War Room" verantwortlich, gewann mit "American High" einen Emmy, schon mit der Kriegs-Dokusoap "Military Diaries" (VH1) stürtzte er bedenklich ab. "The Real Roseanne Show" ist der vorläufige Tiefpunkt auch seiner Karriere. Und daß der zweite Ehemann von Roseanne Barr jetzt als ihr Hausmeister arbeitet, während seine Gattin als ihre persönliche Assistentin herumreist, ist nicht gar so schockierend. Andere beißen im Vollrausch immerhin Fledermäusen den Kopf ab und fürchten sich gleichzeitig vor jedem Hundehäufchen zu Tode. Die Stelle ist besetzt, selbst schuld.

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