https://www.faz.net/-gqz-nmn6

Fernsehen : Rettet „Angel“

„Buffy” und „Angel” Bild: Pro7

Wenn "Angel" aufhört, wäre dies das Ende einer der letzten klugen Fantasy-Serien im Fernsehen. Aber Reality-Shows sind, bei gleichen Aussichten auf Werbeeinnahmen, nun einmal billiger zu produzieren als komplexe Serien.

          Die Geschichte hätte dem Erzromantiker Lord Byron einfallen können, vorausgesetzt, der wäre sich nicht zu schade gewesen, seinen üblichen dichterischen Zutaten noch einen Spritzer Milton ("Das verlorene Paradies") und einen Hauch "Doktor Faustus" (Marlowe, nicht Goethe) beizumengen: Da wird ein komplett nichtsnutziger versoffener Hurenbock (David Boreanaz) im spätmittelalterlichen Irland von einer Kurtisane, die zufällig außerdem ein Vampir ist, verführt, gebissen und in ein Kind der Nacht verwandelt. Mehrere Jahrhunderte lang metzelt und saugt er sich durch Alteuropa, von Prag bis Paris, London bis Berlin, dann gerät er an ein junges Roma-Mädchen und also an die Falsche, denn zwar bringt er sie um, wird aber von den mächtigen Hexern ihrer Familie verflucht.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Weil Vampire dämonische Parasiten sind, die ihre menschlichen Wirtskörper bewohnen, wie es ihnen paßt, kann man ihnen keinen größeren Schaden antun, als sie mit der ursprünglichen menschlichen Seele zu konfrontieren, die sie rausgeschmissen haben. "Angelus", der Vampir mit dem Engelsgesicht, wird von den Roma genau damit gestraft: Der Säufer, der er war, kehrt aus dem Totenreich zurück und muß in seinem Monsterleib nun mit den Erinnerungen an all die Greueltaten leben, die jener in der Zwischenzeit begangen hat. Weitere Jahrzehnte vergehen, in denen der Unsterbliche wie Melmoth der Wanderer durch die Dunkelheit irrt, Menschen meidet, sich von Ratten- und Schweineblut ernährt und schließlich dahin geht, wo die Zerlumpten und Verfluchten des staubigen Kontinents beim Anbruch der Moderne auf einmal alle hinwollten: nach Amerika. Dort versteckt er sich zunächst zwischen Mülltonnen und in der Kanalisation, dann rekrutieren ihn höhere Mächte für den Kampf gegen Monster, wie er selbst eins gewesen ist.

          Augapfel vieler Kritiker

          Sogar verlieben darf er sich, nämlich in eine Sterbliche namens Buffy Summers (Sarah Michelle Gellar), die genau wie er eine kriegerisch-moralische Berufung am Bein hängen hat: Sie ist die Auserwählte, das As im Ärmel des lieben Gottes, und ihr Arbeitsfeld ausgerechnet die möglichst brachiale Eindämmung des - welche Ironie - weltweiten Vampirismus. Miteinander schlafen dürfen die beiden indes nicht, denn Momente wahren Glücks sind dem Vampir mit Seele bei Strafe des erneuten Seelenverlusts untersagt (sonst wäre ja der Sühnekreuzweg kein Kreuzweg mehr, sondern ein unsterblicher Casanovaspaziergang durch die Betten der Sterblichen).

          So mußte denn die nicht von Byron, sondern vom Fernsehautor und -produzenten Joss Whedon zusammen mit David Greenwalt erfundene Figur "Angel" nach drei Staffeln aus der Muttershow "Buffy, the Vampire Slayer" ausgelagert und zum Titelhelden ihrer eigenen Serie werden, die bald eigene Fans hatte und aufgrund der erwähnten mythisch-romantischen und theologischen Resonanzen auch zum Augapfel vieler Kritiker zwischen "Entertainment Weekly" und "USA Today" wurde.

          Unüblich kluge Fantasy-Shows

          Flinke Dialoge und konzeptuelle Originalität - wann handelte je eine Actionserie vom urchristlichen Problem, ob die individuelle Erlösung eher eine Folge göttlicher Gnade oder guter Werke sei? - waren neben solidem filmischen Handwerk und oft überdurchschnittlichen schauspielerischen Leistungen von Leuten wie Andy Hallett ("Lorne") und Alexis Denisof ("Wesley") "Angels" größte Stärken.

          Die zählen nun nichts mehr: Das Network "The WB", das noch vor wenigen Jahren mit "Buffy" und "Angel" die stolze Heimat gleich zweier unüblich kluger Fantasy-Shows für junge und weniger junge Erwachsene war, hat angekündigt, die laufende fünfte "Angel"-Staffel werde die letze sein. Fans schicken Post, das Internet kocht (www.saveangel.org). Wenn es dennoch dabei bleibt, ist die Zukunft des nicht nur amerikanischen Fernsehens trist: Reality-Shows sind, bei gleichen Aussichten auf Werbeeinnahmen, einfach billiger zu produzieren als komplexe Serien. Weg von der unwirklichen Kunst, hin zum Billigskandal: Das Wort "Reality" sagt, wo die Reise auch für die öffentliche Debatte übers Fernsehen hingehen soll - auf Wiedersehen Kritik, hallo Klatsch. Es möchte kein Vampir so länger leben.

          Weitere Themen

          Was in Hongkong passiert, sollte Europa beunruhigen

          Zwei Appelle : Was in Hongkong passiert, sollte Europa beunruhigen

          Die Demonstrationen und Aufrufe zum Massenstreik in Hongkong gehen weiter. Die Spaltung der Gesellschaft nimmt ihren Lauf. Zwei Autoren aus Hongkong formulieren ihre Forderungen an China und die EU.

          Alice Merton, kann Deutschland Heimat sein? Video-Seite öffnen

          Tonangeber Folge 2 : Alice Merton, kann Deutschland Heimat sein?

          In „No Roots“ sang Alice Merton von ihrer Heimatlosigkeit – und wurde weltbekannt. Wir haben sie in ihrer Geburtsstadt Frankfurt getroffen und über die Sehnsucht nach Wurzeln gesprochen.

          Pfeifen, obwohl es riskant ist

          Andrew Bird in Deutschland : Pfeifen, obwohl es riskant ist

          In Amerika ist er längst mehr als ein Geheimtipp - in Berlin hat Andrew Bird ein rares, sehr gutes Deutschlandkonzert gegeben. Der Indie-Rocker mit der Geige weiß, wie man Ohrwürmer erzeugt.

          Topmeldungen

          AKK : Merkels Tritt in die Kniekehlen

          Für Annegret Kramp-Karrenbauer läuft es derzeit nicht gut. Selbst die Kanzlerin lässt sie aussehen, als wollte sie sagen: Sie kann es (noch) nicht.

          Zwei Appelle : Was in Hongkong passiert, sollte Europa beunruhigen

          Die Demonstrationen und Aufrufe zum Massenstreik in Hongkong gehen weiter. Die Spaltung der Gesellschaft nimmt ihren Lauf. Zwei Autoren aus Hongkong formulieren ihre Forderungen an China und die EU.

          Ärger bei Frauenfußball-WM : „Ich schäme mich zutiefst“

          Der Videobeweis sorgt bei der Fußball-WM der Frauen für viel Aufregung. Beim Spiel von Kamerun gibt es einen Streik, weinende Spielerinnen und 17 Minuten Nachspielzeit. Englands Trainer findet deutliche Worte dafür.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.