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Fernsehen : „Millionenspiel“ um Leben und Tod

Didi, der Killer: Hallervorden im „Millionenspiel” Bild: obs ( WDR )

Eine mörderische Treibjagd - vor laufenden Kameras: Aktueller als „Das Millionenspiel“ kann Fernsehen nicht sein.

          Dieter Hallervorden, der sich für eine Karriere als Faxenmacher entschied, hätte durchaus auch das Zeug dazu gehabt, zu einem der führenden Ganovendarsteller im deutschen Film zu avancieren. Dies ist nur eine überraschende Erkenntnis beim Wiedersehen mit einem jahrelang in den Archiven verschlossenen Fernsehfilm.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Vor allem aber nahm „Das Millionenspiel“ nach einem Buch Wolfgang Menges, erstmals gesendet 1970, nahezu sämtliche zweifelhaften Trends vorweg, denen das Fernsehen seitdem gefolgt ist. An diesem Montagabend kommt der aufgrund eines nun beigelegten Rechtsstreits mehr als 30 Jahre nicht gezeigte Film wieder auf den Bildschirm: ohne Zweifel das Fernsehereignis der Woche.

          Viel Geld oder das Leben

          Es ist eine lebensgefährliche Reality-Show, die das „Millionenspiel“ umschreibt: Ein Mann muß sich eine Woche lang allein durch das Land schlagen, verfolgt von einem dreiköpfigen Killerkommando (angeführt von einem verblüffend finsteren Hallervorden). Entkommt er, gewinnt er eine Million Mark, ist er erfolglos, verliert er sein Leben. Der Zuschauer ist, dank zahlreicher Kamerateams, live dabei. Und er kann sich auch - heute nennt man das Interaktivität - selbst einschalten. Ob er dem Verfolgten hilft oder den Verfolgern, das entscheiden die Sympathien.

          Ein Kandidat wird vor den Augen eines ganzen Landes - möglicherweise - zu Tode gehetzt: Eine solche Spielidee hat sich im wirklichen Fernsehen bisher nicht durchsetzen lassen. Das „Millionenspiel“, bei dem Tom Toelle Regie führte, wirkt dennoch auch aus heutiger Sicht bestechend stimmig, da nahezu sämtliche anderen Hemmschwellen, die Menge in seinem Film einreißen lässt, inzwischen tatsächlich gefallen sind.

          Helden der Stunde und Verräter

          So wird die eigene Mutter des Kandidaten Lotz (Jörg Pleva) auf die Bühne geführt, um ihrem Sohn aufmunternde Worte zu sprechen, oder wird eine biedere Frau aus der Nachbarschaft, die dem Gehetzten spontan zur Flucht verhalf, vom sanft inquisitorischen Moderator zur öffentlichen Selbstentblößung gedrängt. Die „Big Brother“-Ideologie, zu nichts besonders befähigte Menschen zu Stars zu machen, wird hier nicht nur auf den simpel gestrickten Lotz angewandt, sondern auch auf dessen kurzzeitige Helfer oder Gegner.

          Innerhalb des grausamen Rahmens findet sich ein wohlvertrautes Fernsehbild. Der joviale Moderator freut sich aufrichtig über die „Helden der Stunde“, die dem Kandidaten „ganz einfach zu Hilfe eilen“, und distanziert sich heuchlerisch von jenen, die den Gangstern in die Hände spielen - ganz so wie heute der Nachmittags-Talkmaster seine Gäste erzieherisch rüffelt, nachdem sie - wie von der Regie gewünscht - ausfällig geworden sind.

          Keine Jagd ohne Jäger

          Als Geniestreich erweist sich die Besetzung des Moderators mit einem Moderator, nämlich Dieter Thomas Heck. Dass ausgerechnet diese Symbolfigur der konservativen, volkstümlich-heiteren Fernsehunterhaltung der visionären Mediensatire sein Gesicht verlieh und damit sein Image auf's Spiel setzte, ist ihm hoch anzurechnen. Vor allem deshalb, weil Heck hier keine andere Rolle spielt als seine altgewohnte: ein mitfühlender Menschenfreund, der das Publikum indes ermahnt, auch die Bösen nicht zu verachten: „Keine Jagd ohne Jäger.“ Um anschließend die nächste Tanznummer anzusagen.

          Sogar die Debatten um Moral oder Unmoral sind im „Millionenspiel“ schon Thema: die kritische Stimme eines Manns von der Straße oder die Expertenrunde, welche die Frage diskutiert, ob die Menschenjagd für die Gesellschaft nicht sogar nützlich sei - helfe sie doch dabei, „Aggressionen abzuleiten“. In solchen Momenten ist das „Millionenspiel“ von atemberaubender Aktualität. Andere Szenen taugen immerhin noch als zeithistorisches Dokument - etwa die eingestreuten fiktiven Werbespots, die die Freizügigkeitswelle der 70er Jahre persiflieren.

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