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Fernsehen : Jack ist wieder da

Jack is back Bild: RTL2

Was „Echtzeitfernsehen“ bedeutet: „24“, die Serie über den - nun zweiten - längsten Tag im Leben eines Mannes. Diesmal im Krieg gegen den Terrorismus.

          Es wird alles noch schlimmer. Es wird noch grausamer, noch gewalttätiger und, würde es diese Steigerungsform geben, noch unausweichlicher. Und man muß es sich ansehen, man darf keine Minute verpassen, weil man sonst draußen ist.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Es übt wieder diese Sogwirkung aus, die das Fernsehen einmal hatte, als es noch nicht Nebenbei-Medium und paarunddreißigfacher Umschaltplatz war. Da sollte nicht zwischendurch telefoniert werden, es wird besser auch nicht gebügelt, weil das Hemd sonst verkokelt, und diejenigen, die bei diesem Marathon nicht dabeisein wollen, können ja ins Theater oder ins Kino gehen. Aber bitte jetzt keine Fragen, keine Termine planen und keine Anrufe. Sagen Sie dem Bundeskanzler bitte, daß ich nicht gestört werden will. Ich rufe später zurück. Jack Bauer ist wieder da. Und das kann nichts Gutes heißen. Denn dieser Mann wird erst gerufen, wenn es - fast - zu spät ist.

          Terroristen mit Atombombe

          Um siebzehn Minuten nach acht ist die Welt für Jack Bauer noch in Ordnung. Da trifft er seine Tochter Kimberly, die ihm seit dem Tod ihrer Mutter ausweicht. Daß diese sterben mußte, war der letzte miese Einfall der "24"-Macher, die ihren Zuschauern Hochspannung bis zum Schluß, aber selbstverständlich kein Happy-End gönnen können.

          Um acht Uhr vierundzwanzig hat Jack, unrasiert und mitgenommen mit einem Bild seiner ermordeten Frau auf dem Sofa liegend, den Präsidenten der Vereinigten Staaten am Telefon. Es ist der ehemalige Senator David Palmer, der ihm sein Leben verdankt. Das ist zu diesem Zeitpunkt ein Jahr her, und das war die erste Staffel von "24". Jetzt aber geht es um ein Attentat, dessen vernichtendes Ausmaß wir vom ersten Augenblick der Serie an erahnen, in dem wir in einen Folterkeller in Seoul und dort jemanden, als wäre es ein illegales Gewaltvideo, leiden sehen, der weiß und unter der Marter endlich gesteht, worum es dieses Mal geht: Terroristen planen einen Anschlag auf Los Angeles. Sie verfügen über eine Atombombe. Der Tag des Attentats ist - heute.

          Tochter flieht vor Psychopathen

          "Heute nicht", sagt Jack Bauer, als er erfährt, was der Präsident von ihm will. Da es aber um heute oder nie geht, ist der Bart des gerade eben noch inaktiven Bundesagenten der CTU (Counter Terrorist Unit) wenige Minuten später, am Ende der ersten Folge, ab. "Jack Bauer ist wieder da", sagt der Anführer der Terroristengruppe, der sich Jack kurz vor halb zehn an diesem Morgen anschließt. Eine knappe Stunde zuvor war er noch Zivilist, jetzt hat er bereits einen Zeugen erschossen, dessen Kopf er den Verschwörern in der Handtasche serviert, um an denjenigen heranzukommen, der ihn zu der Bombe führen könnte, deren zigtausendfach todbringende Wirkung gerade im Lagezentrum des Präsidenten berechnet wird.

          Jacks Tochter muß derweil feststellen, daß ihr Vater, wenn es darauf ankommt, doch wieder keine Zeit hat. Während er die Welt retten muß, ist sie vor einem Psychopathen auf der Flucht, der ihr und der kleinen Megan, auf die sie als Kindermädchen aufpaßt, den Garaus machen will. Um acht Uhr zwei war derweil Präsident Palmer noch mit seinem Sohn beim Angeln, jetzt hat er den Premierminister eines Schurkenstaates am Telefon, der die Terroristen unterstützt: "Wenn heute eine Bombe bei uns detoniert", hören wir Palmer sagen, "dann wird sie uns treffen, aber vernichten wird sie nicht uns, sondern Sie."

          Das Uhrwerk ist die Serie

          Faszinierend an "24" ist nicht allein die Meisterschaft der Regie und des Schnitts, den der Sender RTL 2 nach eigenen Angaben nicht angetastet, sondern seine Ausstrahlungstermine sogar so eingerichtet hat, daß drei besonders gewaltträchtige Folgen in Dreierpacks erst nach zweiundzwanzig Uhr und also ohne härtere Auflagen des Jugendschutzes laufen können. Das Uhrwerk, das immer wieder eingeblendet wird, die Echtzeit, das ist diese Serie selbst. Sie wird, während sie bei uns heute bei RTL 2 mit der zweiten Staffel anläuft, in Amerika schon in der dritten Staffel im dritten Jahr in Folge gleichzeitig bei Fox ausgestrahlt und produziert. So wird niemand sagen können, daß "24" das formale Prinzip der Echtzeit in irgendeiner Weise nicht durchhalte.

          Doch es muß schon ein besonderer Grund her, dem kleinen, aber verwöhnten Publikum dieser Serie eine Fortsetzung vorzusetzen. So wird nicht nur alles nach dem Steigerungsprinzip von "Die Hard" mit Bruce Willis noch härter und unerbittlicher nach dem Motto "Die harder". Es geht in Staffel zwei von "24" weniger darum, wie ein Attentat verhindert, sondern wie es in seinen Folgen abgemildert werden kann. Die Bombe wird hochgehen, sie wird es vor dem Ende dieser Staffel tun, und es wird die Frage sein, was danach geschieht. Im Grunde ist dies die psychologische Vorbereitung oder Begleitung des "Krieges gegen den Terror", den der echte amerikanische Präsident George W. Bush führt. Und es ist eine intelligente, bis in die kleinste Folgenabschätzung stichhaltige Schilderung, Erläuterung und Kommentierung der Verfaßtheit dieser Welt.

          Hier findet ein Krieg statt, den man nicht gewinnen, sondern nur eindämmen kann. Die Frage ist, mit welchen Mitteln und mit welch weitreichenden Folgen. Vor diese Aufgabe sieht sich der von Dennis Haysbert gespielte Präsident in "24" gestellt. Daß nichts an diesem Szenario künstlich oder übertrieben und die Handlung nur in ein paar Wendungen an den Haaren herbeigezogen scheint, das macht die fiktionale Meisterschaft von "24" aus. Es ist, als würden die Nachrichten, die uns jeden Abend die zerfetzten Leiber der bei Attentaten in aller Welt zu Tode gekommenen Opfer des Terrors, verlängert und dem nächstschrecklichen Ereignis vorgegriffen. Wird sich die Steigerung des 11. September 2001 vermeiden lassen? "24" weiß die Antwort, und wer sich der Serie aussetzt, muß sie aushalten können. Für Heile-Welt-Fernsehen sind andere zuständig.

          Verschwörungstheoretiker kommen auf ihre Kosten

          Daß den Schauspieler Kiefer Sutherland seine Rolle als Jack Bauer, wie er in einem Interview sagt, vollkommen in Anspruch nimmt, kann man gut verstehen. Bei all der Hektik, Gleichzeitigkeit und Action, die hier ins Bild gebannt wird, spielt er doch in jeder zweiten Szene (allein den Text zu lernen muß die Hölle sein) und entwickelt dabei eine Präsenz, die diese Serie zu seiner macht. Besonders hervor tritt in der zweiten Staffel jedoch auch Xander Berkeley, der den unsympathischen CTU-Bürochef George Mason spielt. Ein Wiedersehen gibt es auch mit Sarah Wynter, welche die Agentin verkörpert, die sich am Ende der ersten Staffel von "24" als diejenige entpuppte, die die ganze Zeit über ein falsches Spiel betrieb.

          Das gibt es von heute an selbstverständlich abermals, nur sitzen diejenigen, die tarnen, täuschen und eventuell einen dritten Weltkrieg in Kauf nehmen, auf jeden Fall aber den Clash der Kulturen für unvermeidlich und ihre Nation dabei für den Sieger am Ende aller Schlachten halten, dem Präsidenten direkt vor der Nase. So kommen also auch Verschwörungstheoretiker abermals auf ihre Kosten. Wir können uns lediglich schwer vorstellen, wie nach dieser zweiten Staffel, die als DVD seit längerem bereits komplett im Handel ist, die nächste Steigerung aussehen soll. Es geht hier schließlich schon ums Ganze, also auch darum, wie man sich mit Weltläuften arrangiert, die man nicht beherrschen, sondern nur sich täglich mühen kann, nicht von ihnen und also nicht von den Bombenlegern und Globalterrorpredigern beherrscht zu werden.

          Die Produzenten von "24" aber haben sich, wie Kiefer Sutherland sagt, diese Frage schon während der ersten Staffel gestellt. Zuerst wußte ja niemand, ob dieses "Echtzeitfernsehen", das seinen Namen in mehrfacher Hinsicht verdient, überhaupt funktioniert. Das steht nicht mehr in Frage, wohl aber, was wir mit dem Fernseher machen sollen, wenn "24" wieder vorbei ist. Grausam ist schließlich nicht, was wir hier sehen, sondern sonst viel zu viele Stunden des Tages lang vorgesetzt bekommen. Doch darum kann sich selbst Jack Bauer nicht kümmern.

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