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Fernsehen im Königreich : Die Hebammen leisten erste Hilfe

Spaß auf dem Weg zum Arbeitsplatz: Die Hebamme Jenny (Jessica Raine, Mitte) und ihre Kolleginnen verstehen sich auch auf die Medizin der guten Laune. Bild: BBC/Neal Street Productions

Für den britischen Fernsehzuschauer geht nichts über die fünfziger Jahre. Die Serie „Call the Midwife“ beschwört eine Zeit, in der alle arm sind, aber zueinander stehen.

          Seit der „Forsyte-Saga“, der BBC-Verfilmung von John Galsworthys Romanfolge, die in den späten sechziger Jahren jeden Sonntagabend für leere Straßen sorgte, hat sich im britischen Fernsehen diese Zeit als bevorzugte Nische für das Kostümdrama etabliert - eine Abschaltpause vom täglichen Einerlei. Anfangs waren es die opulenten Bearbeitungen literarischer Vorlagen von Jane Austen, Trollope und Dickens bis hin zu E.M. Forster und Evelyn Waugh, die die Nation fesselten. Eine Ausnahme bildeten die eigens für das Fernsehen konzipierten Dramen von Herrschaft und Personal im „Haus am Eaton Place“. Auf diese beliebte Form greifen jetzt neue Historiendramen zurück, die eine nostalgische Reise ins zwanzigste Jahrhundert unternehmen. Den Welterfolg von „Downton Abbey“ hofft der Sender ITV mit einem von Julian Fellowes geschriebenen Vierteiler über den Untergang der „Titanic“ zu wiederholen, den das ZDF zu Ostern zeigen wird.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die BBC, mit der Wiederbelebung von „Das Haus am Eaton Place“ gerade kläglich gescheitert, triumphiert hingegen mit dem Überraschungserfolg „Call the Midwife“, einem Sechsteiler über Hebammen im Londoner East End der fünfziger Jahre, der sogar die hohen Einschaltquoten von „Downton Abbey“ überflügelte. Die Hebammen, für die jede Entbindung einen Spießrutenlauf auf dem Rad durch Bombentrümmer, vorbei an spielenden Kindern und über die Straße gespannte Wäscheleinen, bedeutet, haben das Herz der Briten ebenso erobert wie Maggie Smiths Gräfin auf dem herrschaftlichen Anwesen der Crawleys in „Dowton Abbey“.

          Schwangere im Zigarettenrauch

          Die Serie „Call the Midwife“ ist eine von Heidi Thomas, der Drehbuchautorin von „Cranford“ und der Neuauflage von „Das Haus am Eaton Place“, recht werkgetreu erstellte Bearbeitung des autobiographischen Bestsellers von Jennifer Worth. Diese war in jungen Jahren mit drei Kolleginnen als Gemeindeschwester im Hafenviertel von London bei einem anglikanischen Nonnenorden einquartiert, der vor der Räumung der Elendsviertel, als noch dickensische Zustände herrschten, Hebammendienste zur Armenpflege leistete. Damals brachten die meisten Frauen ihre Kinder unter erbärmlichen Verhältnissen zur Welt. Die Pille gab es noch nicht, und bei einer Lektion über Empfängnisverhütung kichern die Mütter wie alberne Teenager.

          In der Serie geht es um Schwangere mit Rachitis und Syphilis oder um eine minderjährige Prostituierte, die ihr Kind zur Zwangsadoption abgeben muss. Eine Mutter kommt in einer Fisch-Räucherei nieder, eine andere droht bei der Entbindung ihres fünfundzwanzigsten Säuglings zu sterben. Die Schwangerenfürsorge findet in der Gemeindehalle statt, hinter einer improvisierten Abschirmung, während rund herum Kinder toben und die werdenden Mütter mit Zigarette im Mund tratschen wie die Waschweiber, bis sie an der Reihe sind. Zwischen den Einsätzen wird das Klosterleben geschildert.

          Aus den guten alten Zeiten

          Es gibt eine wunderliche kleptomanische Nonne, die Texte von Shakespeare und Keats aufsagt, einen Handlanger, der seine Küche in eine Heimfabrik verwandelt, wo er Wachteln züchtet und kandierte Äpfel zubereitet, eine tolpatschige Tochter, die den auf „Chummy“ abgekürzten Namen Camilla Fortescue-Cholmondeley-Browne trägt und erst einmal Fahrradfahren lernen muss, bevor sie als Hebamme in die Gemeinde geschickt werden kann, wo sie ob ihres Oberklassenenglisch verspottet wird, bis die Patienten ihre wahren Eigenschaften erkennen und sie ins Herz schließen. Und dann sind da die vielen goldenen Cockney-Seelen, die sich über die Umstände hinwegsetzen.

          Trotz der Misere, des Drecks, der Überbevölkerung und der Gesetzlosigkeit umweht das alte East End von London mehr als ein Hauch von Nostalgie. Aus dem Off blickt Vanessa Redgrave als die alte Jenny auf eine Zeit zurück, in der „die ganze Welt strahlte“. Es sei leicht, die „dunklen Funken im Diamanten zu vergessen, die Schatten in den Winkeln des hellsten Tages“. Die Menschen sind bettelarm, aber sie besitzen Humor, Widerstandskraft und einen elementaren Anstand, den die heutige Überflussgesellschaft vermissen lässt. Und mit ihrem unermüdlichen Einsatz im Dienst der Gemeinschaft beleuchten die Hebammen die Leistung des damals noch jungen staatlichen Gesundheitsdienstes, dessen Fortbestehen viele durch die Reformen der jetzigen Regierung bedroht sehen. Nicht ohne Grund wird die „Uns ging’s ja noch Gold“-Botschaft von „Call the Midwife“ als ein Plädoyer für dieses System gedeutet.

          Über allem schwebt der Geist, den John Major beschwor, als er 1993 sein Loblied auf die britische Identität sang und voraussagte, dass es auch in fünfzig Jahren die langen Schatten auf dem Kricketrasen, das warme Bier, die grünen Vorstädte, Hundeliebhaber und alte Jungfern geben werde, die im Morgendunst zur Kirche radeln, wie es bei George Orwell steht. „Call the Midwife“ bettet das klassenlose Wunder der Geburt in einen glänzend dargestelltes sozialhistorisches Milieu ein und wickelt die Zuschauer ins Wohlgefühl der guten alten Zeit ein. Die nächste Staffel wurde schon in Auftrag gegeben.

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