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Fernsehen : Der 500. „Tatort“ spielt in Bremen

  • -Aktualisiert am

Unverkennbar: Fadenkreuz des Tatorts Bild: ARD

Am Montagabend zeigt die ARD den 500. „Tatort“. Die Krimi-Serie ist seit 1970 ein Spiegel der Republik.

          3 Min.

          500 mal Verbrechen, Untersuchung, Aufklärung: Am heutigen Montagabend macht die ARD-Krimiserie "Tatort" mit der in Bremen gedrehten Folge "Endspiel" das halbe Tausend voll.

          Die Ermittlungen von Hauptkommsisarin Inga Lürsen (Sabine Postel) und Kommissar Stedefreund (Oliver Mommsen) im Milieu des hansestädtischen Amateurfußballs sind sogar schon Tatort Nummer 514 - wenn man, so rechnet das Team von www.tatort-fundus.de vor, alle unter dem Signet des mittlerweile über 31 Jahre alten TV-Formats in der Schweiz und Österreich gedrehten Fernsehkrimis dazuzählt.

          Gefeiert wird also genaugenommen der 500. Tatort, der von der ARD am Sonntagabend nach der Tagesschau im Ersten Programm gezeigt wird. Seit sich am 29. November 1970 Kommissar Trimmel (Walter Richter) mit dem "Taxi nach Leipzig" aufmachte, seinen ersten Fall zu klären, sind insgesamt 77 Kommissarinnen und Kommissare in seine Fußstapfen getreten.

          Primat des Formats

          Der "Tatort" fasziniert nicht durch den Auftritt eines einzelnen Ermittlers - der Fernsehmord hat in Deutschland einen Seriennamen, keinen Protagonisten. Selbst skurrille Figuren wie Ruhrpott-Bulle Schimanski (Götz George) und Zollfahnder Kressin (Sieghardt Rupp) traten mittelfristig zurück hinter das übermächtige Format. Wobei "Schimmi" die Tatort-Idee immerhin mit gleich zwei Kinoproduktionen von der Mattscheibe auf die Leinwand holte.

          Typisch für den Tatort ist, dass die Kommissare Verbrechen in den verschiedensten Milieus aufzuklären haben. Das unterscheidet die Kripo-Leute der ARD-Serie etwa von „Derrick“, wo die Übeltäter stets in Münchner Villlenvierteln wohnen. Und von den Ermittlern in „Miami Vice“, die in poppig buntem Ambiente die immer selben schrägen Drogendealer jagen, trennen den Tatort Lichtjahre.

          Stadt, Land, Marlowe

          Vom bayerischen Kriminaloberinspektor Melchior Veigl (Gustl Bayrhammer), der mit Dackel Oswald auf Gaunerjagd geht bis zur introvertierten Charlotte Sänger, gespielt von Andrea Sawatzki, präsentieren sich die "Tatort"-Ermittler als verletzliche Menschen mit emotionalen Narben. Nicht die Strahlemänner US-amerikanischer Fernsehserien sind die Vorbilder für die deutschen Kriminalisten, sondern literarische Figuren wie Simenons Kommissar Maigret und Chandlers Phil Marlowe.

          Unübersichtlich wird das Ganze durch die verwirrende regionale Vielfalt. Damit spiegelt der Tatort die Länderhoheit der Polizei und sorgt auch damit dafür, dass der Zuschauer die Wirklichkeit wiedererkennt.

          Dreck und Drogen

          Doch nicht immer passt das Bild aber dem Publikum. Die Drehbücher überziehen harmlose Vororte und idyllische Dörfer mit Mord und Drogenhandel. Geschäftige Innenstädte werden auf dem "Tatort"-Bildschirm zu sozialen Brennpunkten. Das reflektiert vielleicht zum Teil die Ängste der Menschen. Aber von Stadtoberen und Tourismusbehörden gab es schon häufig harsche Schelte für die Krimimacher, wenn die wieder einmal als böse zeigten, was angeblich so friedlich ist. Umgekehrt buhlen die Ferienregionen der Republik aber auch um die Drehs und erkennen darin eine Werbung für ihre Regin. Ärger brachte der ARD ihr Bemühen ein, mit den Figuren und Stoffen am Puls der Zeit zu bleiben.

          Zwar ist der Vorspann mit den bedrohlich klimpernden Wimpern von Horst Lettenmeyer seit Beginn mit dabei, ebenso die Musik von Klaus Doldinger. Aber die Kommissare ändern sich. Trimmel mochte zwar ein Zigarren auf Kette rauchender Rauhbauz sein, der sich über Befehle hinwegsetzt und auf eigene Faust Ermittlungen in der DDR anstellt. Aber erst Kommissar Horst Schimanski ließ als Vertreter einer neuen, harten Realität auch mal die Fäuste fliegen und verabschiedete sich in der letzten Folge mit einem herzhaft gebrüllten "Scheiße" von seinem Publikum.

          Tausendmal geschaut

          Dass der "Tatort" am Montag mit der 500. Folge ein besonderes Jubiläum feiert, hat seine Macher im Rückblick erstaunt. Denn immer wieder wurde die sonntägliche Krimischau von außen für so tot erklärt wie die Mordopfer im Leichenschauhaus. Selbst Gunther Witte, einst Fernsehspielchef beim WDR und Erfinder der langlebigsten deutschen Fernsehkrimi-Reihe gab seiner Idee 1970 höchstens zwei erfolgreiche Jahre in der Konkurrenz zum "Kommissar" des Mainzer ZDF.

          Doch das Konzept hat sich bewährt. Als mal satirisch, mal pathetische Dokumente ihrer Zeit locken selbst die alten Folgen noch viele Zuschauer vor den Bildschirm, man denke nur an jene Folgen, in denen der Frauenheld Kressin im Porsche unterwegs ist oder Veigls Dackel zum zweiten Frühstück Bier trinkt.

          Der "Tatort" hat zwar Marktanteile eingebüßt, seitdem er sich mit der Konkurrenz der Privatsender messen muss. Aber in den letzten Jahren legte das Format wieder zu. Heute sehen im Durchschnitt 7,46 Millionen Zuschauer den Ermittlern bei ihren Fällen über die Schulter - damit kann keine andere Serie mithalten. 2001 haben in Deutschland 44 Millionen Menschen mindestes einen "Tatort" gesehen. Das "Endspiel" am Montag mag vielleicht für den betroffenen Verein böse ausgehen. Der "Tatort" kann zuversichtlich in die Fernsehzukunft blicken.

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