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Fernsehen : Auf die "L-Stellung" kommt es an

Spiel und Spaß: Lippe blöfft nicht Bild: WDR

Stell dir vor, es ist Samstagabendunterhaltung und das Hinschauen lohnt: Von Jürgen von der Lippe zu Hugo Egon Balder.

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          Unverhofft kommt, wenn auch nicht oft, geschweige denn immer öfter, so doch manchmal: Wie viele Male ist der Untergang der Samstagabendshow schon festgestellt worden? Wie häufig wurde ihre Wiederkehr angekündigt und dann doch nicht eingeläutet? Und wie erschöpfend wurde bereits dargelegt, daß es aufgrund der herrschenden gesellschaftlichen Generationensegmentierung gar nicht mehr die eine Show für alle geben kann? Es mithin niemandem neben Thomas Gottschalk und seinem "Wetten, daß . . .?" im ZDF jemals wieder gelänge, mehr als eine Zielgruppe vor den Bildschirm zu holen? Nebbich. Kalter Kaffee. Schnee von vorvorgestern. Seit diesem Samstag nämlich wissen wir es besser. Die Show am Wochenende lebt - in verkleinerter Form zwar, aber immerhin. Und das nicht wegen der langweiligen Superstarsuche bei RTL, sondern wegen einer sehr geschickten Kopie und eines noch besseren Originals, das so ist, wie es heißt: "Genial daneben" bei Sat.1 und "Lippe blöfft" bei der ARD.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Beide Shows beweisen, daß es für die komplizierte Aufgabe, wie man denn um Gottes willen die Menschen am besten unterhalten möge, nur einfach scheinende Lösungen gibt: Pomp und größere Umstände sind es nicht, auch nicht Extremübungen in allgemeiner Verblödung oder die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner des Ekels. Es ist auch nicht der Hang zu Körperkult und Fleischbeschau. Es ist ein geradezu biederes Prinzip von Spiel und Spaß, den man an sich selber hat. Es galt und gilt schon immer, nur will dafür die richtige Form gefunden werden. Was ARD und vor allem Sat.1, wie gesagt, zu gelingen scheint und erfreulicherweise in Verbindung steht mit zwei Altmeistern des Genres, deren Wiederkehr oder konstantes Auftreten einen emphatischen Kontrapunkt setzt zur derzeit grassierenden Hämewelle im Blick auf alles Vergangene, seien es die "nervigsten Popsongs", die furchtbarsten Comebacks oder die langweiligsten Jugenderinnerungen. Jürgen von der Lippe und Hugo Egon Balder sind in diesem Sinne gewissermaßen zeit- und alterslos und widersetzen sich zäh jedem Verfallsdatum. Nur wer die Trends kennt und sie zu bedienen weiß, der kommt nicht darin um, könnte man sagen.

          „Wetten, daß ... ?“ - nur witziger

          Daß diese beiden mit ihren Shows ganz richtig liegen, kann man bereits daran erkennen, daß man sich beim Anschauen fragt, warum darauf nicht schon früher jemand gekommen ist. "Lippe blöfft" ist nämlich die perfekte Kopie von "Wetten, daß . . .?", nur witziger, weil der Moderator dann und wann eine Pointe setzt und sich daran erinnert, daß er Gäste im Studio und ein Publikum vor dem Schirm hat.

          Rohe Eier jonglieren, falsche Elche aus dem Wald rufen, auf einem Kaktus Musik machen, mit Gläsern Seilchen springen und mit Marshmallows Nasenweitwurf üben, das alles könnte es auch bei Gottschalk geben, nur sähe es dort unter Umständen richtig traurig und unkomisch deutsch aus, nach dem Motto: Daß es Menschen gibt, die auf solche Ideen kommen, kann nichts Gutes heißen. Da wohnt die aufgesetzt fröhliche Unterhaltung nicht selten nahe der Tristesse, die nicht erst dann eintritt, wenn eine Wette schiefgeht. Bei Jürgen von der Lippe ist das alles nicht so schlimm, weil selbst der Wettbewerb der drei Kandidaten, die raten müssen, ob die vorgestellten Geschehnisse und Gags echt oder eben ein Blöff sind, kein ernsthafter ist. So war denn am Ende diejenige, die nach Punkten vorn lag, sich aber den ganzen Abend über auch als Nervensäge Nummer eins profiliert hatte, bei der Preisvergabe im Bunde der Blöff-Kandidaten die Dritte. Erstaunlich auch, daß ohne die Amerikaner als Weltmeister der Unterhaltung auch in einer solchen Show nichts geht. Nicht nur die beiden Marshmallowmänner, auch der Gitarrenspieler ohne Arme reiste über den Atlantik an, und daß anstelle eines der von Dieter Bohlen großgezogenen Pop-Klone die Sängerin Lee Ann Rhymes auftrat, kann man aus musikalischen Gründen nur begrüßen. Daß Jürgen von der Lippe der Masse nach nicht auf Anhieb mit dem zur selben Zeit laufenden Millionärsquiz von Günther Jauch gleichziehen konnte, sollte die ARD nicht erschüttern. Je lauter die Konkurrenz mit den Quoten hubert, desto sicherer darf man sein, daß auch die scheinbar auf ewige Marktführerschaft abonnierte Jauch-Olympiade ihren Zenit überschreitet

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