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Fernseh-Stars : Klingt wie Kermit, wenn man hinten drauftritt

  • -Aktualisiert am

„Stars” von der Straße machen Arbeit Bild: dpa/dpaweb

Wo, bitte, geht's hier zum Ruhm? Das Fernsehen sucht nach "Stars", wenn auch mitunter nur für fünfzehn Minuten. Wer sie aber sucht, findet und füttert, dazu ein kleiner Leitfaden.

          Wer heutzutage nicht weiß, was er wird, wird bekanntlich nicht mehr Wirt, sondern geht zum Unterhaltungsfernsehen. Schließlich kann man nirgendwo sonst schneller und steiler Karriere machen als hier - angeblich. Zum erfolgreichen "Medienmenschen" langt es manchmal schon, wenn man sich nur eine schillernde Berufsbezeichnung zulegt. Nicht einmal die Macher selbst wissen, wieviele Jobs in ihrem Zweig existieren und was sich im einzelnen dahinter verbirgt.

          Sicher ist eines: Das Fernsehen sucht nach "Stars", wenn auch mitunter nur für fünfzehn Minuten. Und diese "Stars" werden gemacht, an diesem Sonntagabend bei der "Celebration" der "Star Search" bei Sat.1 werden wir es, wie einst bei "Deutschland sucht den Superstar" von RTL, wieder sehen. Wer sie aber sucht, findet und füttert, dazu ein kleiner Leitfaden.

          Der Caster

          Sozusagen der Türsteher des Unterhaltungsfernsehens. Am Caster kommt keiner vorbei. Seit man in der Fernsehunterhaltung nicht mehr den Umweg über das Schauspiel geht, sondern aufs Publikum zurückgreift, um das "wahre Leben" zu zeigen, boomt das Auswahlgeschäft. Schließlich sind die Besetzungskriterien so aufgeweicht, daß nicht einmal Regisseure und Produzenten zu sagen vermögen, warum der eine es vor die Kamera schafft und der andere nicht. Der Caster kann das. Er besitzt den Mut zur Selektion nach Willkür. Womit der Reiz seiner Position auf der Hand liegt: Er hat es mit hochmotivierten Klienten zu tun, muß nur ein Handy besitzen und hat Macht.

          Der Caster betont gern, daß sein Job "Fingerspitzengefühl" verlangt, "Einfühlungsvermögen" und "Menschenkenntnis". Tatsächlich ist es ein religiöser Beruf, getragen vom Glauben daran, daß man anderen an der Nasenspitze ablesen kann, ob sie das Gesicht für rot-weiße Zahnpasta sind, die lebende Kulisse für ein Streitgespräch in der "Lindenstraße" oder die Talk-Kandidatin zum Thema "Ich brachte mein Kind in einem Vulkan zur Welt". In die Sinnkrise stürzt der Caster lediglich, wenn in einer Sendung herauskommt, daß seine Klientin gar nicht "echt" war - und die Vulkangeburt vorgetäuscht. Dann zweifelt der Caster für eine Nanosekunde am Leitspruch seines Gewerbes: "Gibt's nicht, gibt's nicht!" Wenn partout kein Foto aus seiner Kartei passen will, begibt er sich selbst auf die Straße - zum "Street-Casting". Doch das tut er ungern. Lieber läßt er Bewerber vor seiner Agentur Schlange stehen und genießt es, den Daumen über fremde Fernsehträume zu senken.

          Letzteres heißt, daß er Bewerbern bescheinigt, "nicht telegen genug" zu sein. Im besseren Fall hat der Caster Erfahrung als Müllausfahrer, Kabelhilfe oder Aufnahmeleiter und entsprechende Kontakte. Er behandelt seine Komparsen möglichst unhöflich, um sie auf den harten Alltag am Set vorzubereiten, wo Statisten für fünfzig Euro am Tag die Zeit mit Warten, Frieren und mieser Verpflegung zubringen. Im schlechteren Fall ist der Caster gelernter Bäckermeister, verheißt jedem, "genau der Typ" zu sein, "den die beim Fernsehen suchen" und vermittelt keine Aufträge, sondern eigene Trainingskurse und Lehrvideos zu Höchstpreisen als "unverzichtbare Hilfsmittel" auf dem Weg ins Studio.

          Der Warm upper

          heißt zwar aktiv "Einheizer", ist aber eher passiv der Prügelknabe des Betriebes, wenngleich er eine Beförderungsstufe des Casters markiert. Schließlich hat es der Warm upper schon auf die Bühne geschafft, jedoch noch nicht vor eine laufende Kamera. Für ihn gilt Humor als Schlüsselqualifikation, was heißt, daß er über sich selbst lachen können muß. Denn das erleichtert den Job ungemein, der darin besteht, daß andere sich über ihn lustig machen. Da so etwas naturgemäß nicht lange zu ertragen ist, kommt der Warm upper höchstens für zwanzig Minuten vor einer Aufzeichnung auf die Bühne, um die Zuschauer dazu zu bringen, ihre Kaugummis aus dem Mund zu nehmen, Handys abzustellen und auch an jenen Stellen der Show zu klatschen, an denen es keinen Grund dafür gibt. Der Warm Upper ist die fleischgewordene Wohlfühl-Garantie für den nachfolgenden Moderator. Macht er seinen Job gut, hat das Publikum alle Häme an ihm abreagiert, so daß für den Star des Abends der Applaus übrigbleibt. Der Beruf verlangt folglich Demut und Tollkühnheit.

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