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Ferienziel Kreuzfahrtschiff : Zum Dinner? Da muss ich mich ja umziehen!

  • -Aktualisiert am

Längst ist die Kreuzfahrt der Konkurrent des Pauschalurlaubs im Strandhotel Bild: REUTERS

Von wegen nur etwas für Reiche: Jeder Dritte würde heute am liebsten eine Kreuzfahrt machen. Die neuen Schiffe sind Ferieninseln, auf denen die Passagiere mit straffen Unterhaltungsprogrammen in Atem gehalten werden - ein wahrhaft klassenloses Vergnügen.

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          Sie ist die idealtypische Destination jeglichen Reisens. Weg und Ziel zugleich. Auf Kreuzfahrt ist man unterwegs und doch daheim, an einem Sehnsuchtsort, weit weg von der Wirklichkeit an Land. Verzieht sich die alternde Gesellschaft ins schwimmende Altersheim? Deutschland wird von einem Kreuzfahrtboom überrascht, den bis vor kurzem niemand für möglich gehalten hätte. Mehr Rentner, mehr Kreuzfahrt, das passt. Nur leider ist es falsch. Die Kreuzfahrer werden immer jünger.

          Was Vorurteile angeht, sind Kreuzfahrt und Deutsche ein Kapitel für sich. Einerseits herrscht Begeisterung: Traumschiffe auf allen Fernsehkanälen, in Hofberichtsmanier wird noch der billigste Dampfer zum Luxusliner stilisiert. Sogar mit Harald Schmidt an Bord kann man am Fernseher exotische Länder ansteuern. Schiffstaufen werden mit Feuerwerk und Lasershow als Großevents zelebriert wie ein Konzert der Rolling Stones. Und wenn ein neuer Megaliner aus der Papenburger Werft den engen Wasserweg über die Ems bugsiert wird, halten Schaulustige tagelang in Zelt und Campingwagen die Stellung. Die Kreuzfahrt hat keine Kunden, die Kreuzfahrt hat Fans.

          Zwischen Faszination und Verachtung

          Andererseits macht man sich über sie lustig. Völlig überzogen ist der Sturm im Wasserglas um den Erlebnisbericht im etwas beleidigten Abiturzeitungston, mit dem Christoph Maria Herbst (“Stromberg“) einstweilige Verfügungen, geschwärzte Passagen und süffisante Artikel zum Thema „Mumienschlepper“ hervorrief. Und das alles wohl nur, weil sich der Autor bei Dreharbeiten zum „Traumschiff“ unter seiner Würde besetzt fühlte, wie man beim Lesen zu ahnen beginnt.

          Was würde der Hautarzt zu diesem massenhaften Sonnenbad sagen?

          So oszilliert ein ambivalentes Verhältnis zwischen Faszination und Verachtung. Allerdings: Dies gewisse intellektuelle Lebensgefühl, das einem Toskana-Urlauber zugerechnet wird, bleibt dem Kreuzfahrer meistens versagt. Plastik oder Pomp, Neureiche im Dinnerjackett oder Proleten im Muscle-Shirt, das ist nun mal der Ruf.

          Eine Ferienlandschaft über drei Decks

          Und jetzt das: die Kreuzfahrt als Superstar. Die idealtypische Destination jeglichen Reisens. Weg und Ziel zugleich. Auf Kreuzfahrt ist man unterwegs und doch daheim, an einem Sehnsuchtsort, weit weg von der Wirklichkeit an Land. So schwärmen Kulturkritik und Wissenschaft - Intellektuelle, die sonst kein gutes Wort übrighatten für die Vergnügungsreise auf dem Wasser. Bei der restlichen Bevölkerung drückt sich die neue Liebe zur Kreuzfahrt in den Ergebnissen der Marktforschung aus: Für jeden dritten ist sie die beliebteste Form des Reisens.

          Alles begann in Ostdeutschland. Bevor die erste „Aida“ im Jahr 1996 in Rostock als schwimmender Ferienclub mit Selbstbedienung am Buffet statt Galadiners zu ihrer Jungfernfahrt in See stach, galten Kreuzfahrten als altmodisch, langweilig und teuer. „Da muss ich mich ja umziehen“, lautete der deutsche Angstschrei, der die Seeklientel unverhältnismäßig klein hielt. Erst das Schiff mit dem Kussmund am Bug revolutionierte Image und Inhalt der deutschen Seereise und zog damit neues Publikum an. Das Schiff verblüffte mit einer Ferienlandschaft über drei Decks an Bord, samt Palmeninseln, Strandkörben und einem Fitness-Parcours vor einer verglasten Wand zum Meer. Zum ersten Mal in Deutschland war das Schiff selbst Ferienziel.

          Wachstumsrate von mehr als zehn Prozent

          Heute verbringt fast die Hälfte der deutschen Kreuzfahrer ihren Urlaub auf einem Aida-Schiff, Marktführer Aida Cruises wächst doppelt so schnell wie der Markt. Das klingt ein wenig nach Hollywood, ist aber die Geschichte einer Unternehmenskarriere aus der Pionierzeit der Privatisierung in Mecklenburg-Vorpommern. Aida Cruises ging aus der Deutschen Seereederei in Rostock hervor, vor der Wende war sie nach der Sowjetflotte die zweitgrößte Schifffahrtsgesellschaft der Welt.

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