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Das Drama der Stunde? : Die Drohung

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Was geschah dann?

B.H.: Der Pilot der Passagiermaschine hat sich bald gemeldet, sie hatten ein Problem mit ihrem Funksystem. Es waren über hundert Menschen an Bord. Wenn der Funkkontakt abbricht, haben die Piloten die Anweisung, den Flugplan wie festgelegt einzuhalten. Der Flughafen von München war damals noch in Riem, die Route dorthin führte über das Olympiastadion. Die Piloten haben sich an alle Regeln gehalten, hatten aber leider dieses technische Problem, weswegen sie beinahe alle getötet worden wären.

Im Stück wird das zitiert, und es sieht ganz so aus, als habe Schirach sich an diesen Fall angelehnt.

B.H.: Aber in seiner Geschichte haben sie merkwürdigerweise 28 Minuten Zeit, um sich zu entscheiden. Ich kann mir keinen Fall vorstellen, bei dem so viel Zeit vorhanden wäre, die Maschinen fliegen ja mit mehr als 600 Stundenkilometern. In der Geschichte von Herrn von Schirach müsste man ja auch noch die Frage stellen: Wieso hat der Staat das angeblich bedrohte Stadion nicht räumen lassen?

G.B.: Die Frage wird kurz thematisiert.

B.H.: Ja, aber sie bleibt ohne Folge. Und dann kriegt der Pilot im Stück den Befehl, nicht zu schießen. Mit welchem Recht bemächtigt er sich eigentlich der ihm anvertrauten militärischen Waffe und erschießt die Leute? Würde er das auch dann tun, wenn er nicht einfach auf einen Knopf drücken, sondern sie mit seiner Pistole einzeln erschießen müsste? Er sagt: Es war eine Gewissensfrage. Ist er der liebe Gott? Er weiß nichts über die Situation im Flugzeug. Es gab auch den Fall einer anderen entführten Maschine, die schließlich in München landete. Der Entführer war ein Spinner, die Handgranate, mit der er gedroht hatte, eine Attrappe. Seine Drohung war leer gewesen. Auch eine Maschine, die man hätte abschießen können.

Aber hier kann man doch einwenden: Auch das konnte ja, während das Flugzeug in der Luft war, keiner wissen.

B.H.: Wenn Sie es abschießen, töten Sie nicht nur unschuldige Menschen in der Luft, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit auch Menschen auf dem Erdboden. So dicht, wie die Bundesrepublik besiedelt ist, kann man das kaum ausschließen. Das hat selbst Otto Schily eingeräumt, der damals als Bundesinnenminister die Bundesregierung vor dem Bundesverfassungsgericht gegen uns vertreten hat. Zudem - und das ist der wesentliche Punkt: Der Staat darf keine unschuldigen Menschen töten.

„Terror“ ist verfilmt worden und wird im Herbst in der ARD gezeigt, zeitgleich auch in Österreich und vielleicht auch in der Schweiz. Es wird nach der Verhandlung eine Pause geben, die mit einer Diskussionsrunde, moderiert von Frank Plasberg, gefüllt wird. In der Zeit können die Zuschauer dann per Telefonanruf, Twitter oder Facebook abstimmen, und im Anschluss wird das entsprechende Urteil ausgestrahlt - und die Diskussion mit Plasberg wird danach fortgesetzt.

B.H.: In meinen Augen ist das Effekthascherei mit einem Vorgang, bei dem es um die Menschenwürde und die Wahrung der Grundrechte, die Substanz der Bundesrepublik, geht.

G.B.: Hier wird doch in Wahrheit über das Grundgesetz abgestimmt. Und die Richter sitzen im Wohnzimmer. Und welche Konsequenz soll eine solche Abstimmung haben? Wird dann noch der regionale Vergleich gezogen, wie die Zuschauer in den einzelnen Ländern abstimmen? Was soll daraus hervorgehen? Ich rate Herrn Herres, dem Programmdirektor der ARD: Lassen Sie das!

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