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Das Drama der Stunde? : Die Drohung

  • -Aktualisiert am

Prävention ist natürlich wichtig, aber wie sehr hilft sie in einer Situation, in der jederzeit und überall Gewalttaten möglich scheinen?

G.B.: Wir sind in einer Situation, in der die Art der Bekämpfung des Terrorismus der freiheitlichen Gesellschaft ohne zwingende Notwendigkeit schweren Schaden zufügt - eine Situation, die dem Terror zusätzliche motivierende Argumente liefert. Besonnenheit ist jetzt wichtig, in der Gesellschaft - und auch in den Medien. Die wilden Spekulationen in der Nacht nach der Tat in München waren kein verantwortungsvoller Journalismus. Nicht jede Gewalttat ist, so schrecklich sie sein mag, ein terroristischer Akt. Und wir befinden uns nicht im Krieg, wie der französische Staatspräsident François Hollande sagt - und nach den Morden in München wiederholt hat -, sondern wir bekämpfen Kriminelle. Im Krieg wird der Gegner in der Regel vernichtet. Verrechnung von Menschenleben ist die Logik des Krieges. Aber gerade in Zeiten der Bedrohung müssen wir uns auf unsere freiheitlichen Grundrechte berufen und diese nicht relativieren.

Wir haben „Terror“ zusammen mit Ihnen, Herr Baum, am Deutschen Theater in Berlin gesehen. Da waren viele junge Leute im Publikum, Schüler, ganze Philosophiekurse, die auch nach der Aufführung in einem Nachgespräch viele Fragen gestellt haben. Was lernen die?

G.B.: Sie lernen etwas Falsches. Schirach hätte das Stück ja auch so anlegen können, dass es nach dem Urteilsspruch noch einen Moment gibt, in dem gegenüber dem Publikum aufgegriffen wird: So haben Sie abgestimmt, das bedeutet Ihre Entscheidung. Es entspricht nicht dem Grundgesetz, was Sie gerade gemacht haben.

Angenommen, man würde über die Todesstrafe abstimmen lassen . . .

G.B.: Siebzig Prozent in Deutschland sind dafür. Bei einer solchen Abstimmung wäre aber jedem klar, dass die Todesstrafe verfassungswidrig ist. Darauf hat Schirach verzichtet. Das ist das Populistische daran. Der Verzicht, darauf hinzuweisen, dass der Freispruch eine Abstimmung ist, die sich gegen das Grundgesetz wendet. Das hätte er hinzufügen können, auch nachträglich.

B.H.: Das stimmt. Das Stück führt einen auch nicht zu der eigentlichen Frage, nämlich, wie weit steht das Leben eines Bürgers zur Disposition einer Regierung. Das ganze Gedankengebäude - auch in dem Stück - hängt doch davon ab, dass man das Gefühl hat, jawohl, da werden Menschenleben gerettet, in „Terror“ 70 000. In Wirklichkeit weiß niemand, ob die wirklich überhaupt bedroht sind!

G.B.: Dazu muss man wissen, dass es etwa 300 Fälle pro Jahr gibt, in denen „Alpha Scramble“ ausgerufen wird, in einem waren es sogar 400.

Was bedeutet „Alpha Scramble“?

B.H.: Es steht für einen Alarm, der ausgelöst wird, wenn sich ein Flugzeug unangemeldet im Luftraum aufhält und wenn kein Funkkontakt vorhanden ist. Dann starten Bundeswehrflugzeuge, um die Maschine zunächst zu beobachten. Es hat 1972 diesen Fall gegeben: Eine Maschine ist auf die Abschlussfeier der Olympischen Spiele zugeflogen. Der Funkkontakt zu der Maschine war abgebrochen. Der damalige Verteidigungsminister Georg Leber hatte drei Minuten Zeit, um zu entscheiden, ob sie abgeschossen werden soll.

Ist das der übliche Zeitrahmen für eine solche Entscheidung?

B.H.: In der Bundesrepublik können es höchstens bis zu zehn Minuten sein. In den drei Minuten, die Leber zur Verfügung hatte, kann man nicht mal anständig Rückfragen stellen. Auch zehn Minuten sind für eine Entscheidung dieser Tragweite natürlich fatal wenig: Man kann sich nicht ausreichend vergewissern, ob alle Informationen wirklich korrekt sind. Man kann letztlich nur nach Gefühl entscheiden. Leber hat sich gegen den Abschuss entschieden.

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