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Das Drama der Stunde? : Die Drohung

  • -Aktualisiert am

Dann stimmt er doch mit Ihnen in der Grundauffassung zur Menschenwürde überein.

G.B.: Stimmt genau. Warum stellt er dann aber im Stück seine von mir geteilte Grundüberzeugung so zur Disposition, dass eine große Zahl der Besucher nur noch den gewissensgeplagten Piloten sieht?

Was könnte der Grund sein?

G.B.: Es würde sonst an Dramatik fehlen.

Laut Statistik haben zusammengerechnet 59,4 Prozent der Zuschauer bislang für Freispruch plädiert. Der Pilot wurde in 93,9 Prozent aller verkündeten Urteile freigesprochen. Was treibt die Zuschauer dazu an?

G.B.: Schon der Titel des Stücks ist ja publikumswirksam: „Terror“. An mehreren Stellen tauchen dann Schlagworte auf, die einen Nerv treffen: „Wir befinden uns im Krieg“, oder: Es sei naiv, von etwas anderem auszugehen, als dass Krieg herrsche. Hinzu kommt die zugespitzte fiktive Situation: 164 Menschen im Flugzeug gegen 70 000 im Stadion.

B.H.: Schirach bringt die Leute dazu, eine falsche Entscheidung zu treffen und sie in die Wirklichkeit zu transponieren.

Der Schriftsteller und Strafverteidiger Ferdinand von Schirach

Wir haben uns gefragt, worüber das Publikum letztlich abstimmt: über den konkreten Fall des Piloten, über Ihre Verfassungsbeschwerde, über die Menschenwürde?

G.B.: Das ist in der Tat das Dilemma, in das der Autor die Besucher bei der Abstimmung bringt. Natürlich kann man dem Piloten schuldmindernde Gründe zurechnen, ohne die Menschenwürde in Frage zu stellen. Aber bei Schirach muss man sich für den Piloten oder für die Verfassung entscheiden.

B.H.: Herr Baum, dann müssen Sie den damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Jung und auch Wolfgang Schäuble erwähnen.

G.B.: Nach dem Urteil, das wir in Karlsruhe erstritten haben, verkündeten die beiden öffentlich: Wenn es zu einem solchen Entführungsfall käme, sie würden trotzdem abschießen.

Wie haben Sie darauf reagiert?

G.B.: Wir haben überlegt, deswegen vor Gericht zu gehen.

B.H.: Das Parlament hätte die Minister dafür zurechtweisen müssen. Sie hatten angekündigt, gegen einen elementaren Verfassungsgrundsatz zu verstoßen.

Und?

B.H.: Hat es aber nicht. Schäuble und Jung vermittelten so den Eindruck, der Staat würde hilflos, wenn er die Verfassung anwendet. Das ist das Problem. Die Bundesrepublik hat sogar völkerrechtlich anerkannt, dass der Abschuss eines Passagierflugzeugs ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist, und sich verpflichtet, Terroristen nicht als Soldaten in einem Krieg zu behandeln, sondern als Verbrecher. Ich wehre mich leidenschaftlich gegen die ständigen Versuche, zu insinuieren, es handele sich in Wirklichkeit um einen kriegsähnlichen Zustand, in dem wir uns befinden.

Im Herbst wird „Terror“ in der Regie von Lars Kraume in der ARD zu sehen sein. Mit den Schauspielern Lars Eidinger, Martina Gedeck, Florian David Fitz und Burghard Klaußner (von lins nach rechts)

Nach den Gewalttaten in Nizza, im Zug bei Würzburg, in München und Ansbach werden noch mehr Menschen dieses Gefühl haben. Was kann man dagegen tun?

G.B.: Die Angst ist verständlich, aber sie muss von der Politik moderiert werden. Sicherheit darf nicht zum beherrschenden Leitwert werden. Leitwert ist die Freiheit. Und Freiheit ist immer von Unwägbarkeiten begleitet. Freiheit ist ohne Risikobereitschaft nicht zu haben. Aber wir müssen die Risiken mindern.

Wie?

G.B.: Gewalt fängt in den Köpfen an. Prävention ist unverzichtbar. Sie ist so wichtig wie Repression. Wir müssen alle Möglichkeiten nutzen, vor allem im islamischen Raum, gefährdete, labile, verführbare Menschen von Gewalt abzuhalten. Verbünden wir uns mit denen in der Gesellschaft, die mit schlüssigen Konzepten darauf ihre Kraft verwenden. Es ist schändlich, wie jetzt Einzeltaten wieder gegen Fremde und den Islam politisch instrumentalisiert werden.

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„Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

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