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Berliner Ensemble : So alt sehen heute frühreife Bürger aus

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Trotz Konfetti und Getanze: Von Anfang an schon von Kopf bis Fuß ganz bürgerlich. Bild: Monika Rittershaus, Marina Senckel, Celina Rongen, Sven Scheele

Ferdinand Bruckners Klassiker „Krankheit der Jugend“ zeigt am Berliner Ensemble nur schwache Symptome. Die Kraft des Originals verliert sich in kontrollierter Ekstase.

          Was schlimm ist: jung sein und nicht wissen, wohin. Von Selbstzweifeln gequält werden, von Zukunftsangst in Verzweiflung getrieben, der Planlosigkeit hilflos ausgeliefert sein. Am fehlenden Willen leiden. Was aber noch schlimmer ist: jung sein und nichts als Absichten haben. Genau wissen, was man will, wer man ist, wozu man lebt. Immer schon fest im Sattel sitzen und alles unter Kontrolle haben. Kaum laufen können und schon eine Lebensversicherung abschließen, noch nie geküsst, aber schon den Kitaplatz bestellt. Jung sein, nur um erwachsen zu werden – gibt es ein furchtbareres Schicksal?

          Ferdinand Bruckners Initiationsdrama „Krankheit der Jugend“ spielt im Wiener Studentenmilieu der frühen zwanziger Jahre: Ein paar „sehr junge“ Mädchen und „etwas ältere“ Jungen treiben sich aus Langeweile gegenseitig in den Wahnsinn, betrügen einander und betteln danach um Hilfe. Sie leben einsam vor sich hin und fühlen sich durch die Begegnung mit den anderen nur noch leerer. Egal wie nah sie sich körperlich kommen – ihre Seelen bleiben einander fremd. Ihr Dasein ist ohne Reiz und Sinn, allein der mögliche Freitod dient ihnen als Stimulus, erregt sie noch. „Entweder man verbürgerlicht, oder man begeht Selbstmord. Einen anderen Ausweg gibt es nicht“, sagt Desiree, die lesbische Medizinstudentin, die später als einzige tatsächlich aus dem Ewigen Totentanz ausbrechen wird.

          Die Differenz zwischen Jugend und Erwachsensein

          Man kann Bruckners Stück nur spielen, wenn man diese Alternativsetzung ernst nimmt. Wenn man wirklich Angst hat vor dem Verbürgerlichen, dem Altwerden und nicht meint, es handele sich dabei um einen harmlosen Scherz. Nur wenn man die Differenz zwischen Jugend und Erwachsensein ins Zentrum stellt, erhält der Nihilismus des Stücks eine Bedeutung über Zeiten und Orte hinweg. Dann könnte, was 1923 in Wien war, auch 2017 für Berlin gelten: Die Jugend als Kampfplatz, auf dem man sich verausgabt, gefährdet und krank wird. Nur, um eines nicht zu sein: bürgerlich-erwachsen.

          Auf dem Boden liegen und schreien: wird man so das Alter los?

          Das Problem mit der Berliner Jugend 2017, so wie sie sich im Pavillon des Berliner Ensembles in der Inszenierung von Catharina May präsentiert, ist nun aber, dass sie von Anfang an schon von Kopf bis Fuß ganz bürgerlich ist. Auf einem Ledersofa mit Blick auf den Retrokühlschrank lackiert sie sich die Fußnägel und dreht sich die Locken, streicht sich die Röhrenjeans zurecht und wirft ein bisschen Konfetti durch die Gegend. Immer wenn die Stimmung trüb wird, weil der eine nicht mehr mit der anderen will, wird ein bisschen Elektromusik eingespielt, und die Jugend gerät in eine kontrollierte Ekstase. Die Nerven verliert sie dabei nie: Alles Kämpfen und Kichern, Zittern und Träumen ist lange schon eingeübt. Der Wahnsinn in dicke Anführungszeichen gesetzt. Jeder Satz, jede Bewegung ist Absicht, aller Überschwang, alle Unsicherheit ausgeklammert. Die Macht der Gewohnheit hat diese Jugend längst zu Boden gedrückt.

          Was übrig geblieben ist, sind ein paar neurotische Zuckungen (bei „Bubi“, gespielt von Felix Strobel), ein bisschen eingeübte Bosheit (bei Irene, gespielt von Marina Senckel) und viel exaltierte Hysterie (bei Marie, gespielt von Celina Rongen). Krank wird davon niemand. Bruckners Psychostudie wird – in der rabiat zusammengestrichenen Fassung von Steffen Sünkel – so zum platten Possenspiel degradiert. Von der ungemütlichen Rohheit, dem sprichwörtlich gewordenen „Barbarentum des zwanzigsten Jahrhunderts“ sieht man wenig. Einmal zieht die kleine Marie ihre Rivalin Irene an den Haaren bis aufs Blut, aber richtig ungemütlich will es einem auch dabei nicht werden. Von der wollüstigen Grausamkeit, mit der etwa der Langzeitstudent Freder bei Bruckner alle seine Freunde nacheinander ins Messer rennen lässt, ist bei Sven Scheele nicht viel mehr geblieben als der leicht dümmliche Zug eines turnschuhtragenden Pseudoproleten.

          Bruckners messerscharfer Realismus geht verloren

          Von dem Einfluss der Psychoanalyse auf das Werk, seinem Interesse an der Wirklichkeit der Triebe ist nichts zu spüren. Genauso wenig wie von den pathologischen Zügen, die den Errungenschaften der sexuellen Befreiung hier zugeschrieben werden. Dass dieses Stück in der Nachfolge von Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ steht, für ein „Theater des Gefühls“ gegen Brechts „Theater der Vernunft“ votierte, das versteht man an diesem Abend nicht. Denn Bruckners bilderlos-sachliche Sprache, sein messerscharfer Realismus wird durch dauernde Lichtwechsel und holprige Text-Übergänge abgeschwächt und entwertet. Nur Desiree, gespielt von Larissa Fuchs, macht sich den Abend auf ihre Weise zu eigen. Mit ihrer angerauhten Stimme und dem ewig müden Blick verleiht sie dem Nihilismus einer verlorenen Nachkriegsjugend am überzeugendsten Ausdruck. Ihre Angst davor, etwas zu verlieren, was sie noch gar nicht besitzt, am „Unbedeutenden zugrunde zu gehen“, wie es einmal heißt, das ist es, was sie um- und schließlich in den Selbstmord treibt.

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          Eine Jugend, die ihren Platz nicht findet, schwebt also in der Tat „in latenter Lebensgefahr“, wie die böse Irene süffisant feststellt. Aber eine Jugend, die gar nicht erst ihren Platz sucht, sondern meint, ihn auf dem Sofa schon gefunden zu haben, hat den Überlebenskampf aufgegeben, bevor er überhaupt begonnen hat. In Berlin wird an diesem Abend nicht gekämpft. Die Jugend bleibt ohne Verletzungen und wird nicht krank. Sie bleibt gesund und unbedeutend. Das passt vielleicht zu unseren fetten Wohlstandsjahren, aber nicht zu Bruckner.

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