https://www.faz.net/-gqz-43kc

Felicitas Hoppe : „Es klingt kokett: Ich möchte die Wahrheit sagen“

  • Aktualisiert am

„Die Sprache ist eigentlich klar, aber ich erwische sie nicht” - Felicitas Hoppe Bild: Audiobuch Verlag

Räume und Zeiten gelten nichts bei der Autorin Felicitas Hoppe. Dabei sucht sie die Wahrheit. Mit FAZ.NET sprach sie über ihren Roman „Paradiese, Übersee“.

          Mit ihrem ersten Erzählungsband „Picknick der Friseure“ erregte die Autorin Felicitas Hoppe im Jahr 1996 einiges Aufsehen. Sprachlich klar und einfach lässt die Autorin in ihren Geschichten Wundersames passieren: Figuren verdoppeln sich oder lösen sich auf, wovon der eine träumt, ist für den anderen Wirklichkeit, bildliche Redewendungen schaffen Fakten. Räume und Zeiten gelten nichts bei Felicitas Hoppe, und doch geht von ihrer Prosa ein großer Sog aus.

          In diesen Tagen erscheint „Paradiese, Übersee“, der zweite Roman der Autorin. FAZ.NET sprach mit ihr über das Wundertier und die Wahrheit, das Geheimnis der Sprache und die Macht des Buches.

          Frau Hoppe, was um Himmels willen ist eine Berbiolette?

          Die Berbiolette ist ein Fabeltier aus dem Umkreis der Artus-Geschichten. Dort wird die sie beschrieben, wie ich es in „Paradiese, Übersee“ auch getan habe: als Wundertier, das man sucht, aber nie findet.

          In Ihrem neuen Roman macht sich ein Forscher und Jäger auf die Suche nach der Berbiolette. Welche Rolle spielt das Tier in Ihrer Geschichte?

          Das Tier ist eigentlich nur der Köder. Vielleicht ist die Berbiolette auch überhaupt nur imaginiert. Sie ist der Lieferant für das Material, aus dem alles Schöne ist. Eine andere Figur, der Kleine Baedeker, träumt davon, aus dem Fell der Berbiolette eine Schürze für seine Schwester zu machen. Es wird schon alles in diesen Verwertungszusammenhang gestellt, nur das Tier findet sich eben nicht.

          Der Jäger und Forscher wiederum hat diese Schürze, von der der Kleine Baedeker träumt, bei der Schwester bereits gesehen.

          Das ist ja das Gemeine: Er sieht das verwertete Fell, kommt aber an den Lieferanten des Fells nicht heran. In einem Handbuch, in dem der Kleine Baedeker schließlich nachschlägt, wird die Berbiolette zwar geführt, aber leider ohne Abbildung. Man kann das alles nicht verifizieren.

          Es gibt einen Ritter, der trennt sich auch zum Schlafen nicht von seiner Rüstung, ein Pauschalist nicht von seinem Diktiergerät. Berittene werden von Fahrradfahrern begleitet, Zimmermädchen und höfische Damen bevölkern Ihren Roman. Die Zeichen der Zeiten geraten durcheinander. Wie kommen Sie zu dieser kühnen Mischung?

          So etwas geht eben nur im Buch. Wir können die Dinge eigentlich nur in unserer Imagination neben einander existieren lassen und die Zeiten überspringen. Ich wollte mit alten Stoffen arbeiten, aber ich wollte sie eben nicht historisieren, sondern sie in unsere Zeit stellen.

          Was macht für Sie ein gutes Buch aus?

          Was mich vor allem interessiert bei einem Buch, ist die Sprache. Aus der Sprache bilden sich die Figuren, bildet sich auch die Wirklichkeit. Ein gutes Buch versucht nicht, die Wirklichkeit abzubilden oder die vermeintliche Realität zu wiederholen, sondern es transformiert die Stoffe der Wirklichkeit, und dadurch entsteht etwas Neues.

          In Ihrem ersten Prosaband „Picknick der Friseure“ kommt auch schon mal ein Ritter vor. Gibt es einen Zusammenhang?

          Neulich fragte mich jemand: „Müssen wir jetzt damit rechnen, dass Sie zu jeder Ihrer Kurzgeschichten einen Roman schreiben?“ Das waren 20 Geschichten, und es gab eine Seefahrtsgeschichte, die habe ich dann mit „Pigafetta“ abgeleistet, jetzt kommt der Ritter. So ist es natürlich nicht. Als ich begann, an „Paradiese“ zu arbeiten, sagte mir jemand, „schau doch mal ins 'Picknick'“, und ich las die Geschichte „Ritter und Duellanten“ und war eigentlich richtig begeistert, weil ich dachte, da ist ja so eine Art literarisches Exposé. Das bedeutet einerseits ein schönes Wiedererkennen, andererseits habe ich mich erschrocken, weil ich dachte: Meine Güte, trittst du auf der Stelle? Wie begrenzt ist das Repertoire eigentlich? Dass ich zu diesen Figuren zurückkehre, bedeutet aber wohl auch, dass sie mir lieb und teuer sind.

          Ihre Figuren sind, könnte man sagen, Formwandler. Sie sind nie zu greifen, sie treten in unterschiedlichen Rollen und Beschreibungen auf. Man fragt sich bis zum Schluss - und vor allem dann: „Wer ist hier eigentlich der Ritter?“ Wie entwickeln Sie Ihre Figuren? Und welches Eigenleben haben sie?

          Ich vertraue diesen Figuren sehr. Dieses vermeintlich Traumwandlerische oder Flüchtige, dass sie einem immer entschwinden, dass man sie nicht erfassen kann, erscheint mir höchst realistisch. Ich erfahre Menschen eigentlich genau so, und ich glaube, dass das Wissen, was wir über einander haben, doch auch sehr gering ist. Deshalb gebe ich meinen Figuren gerne diese Grundmuster: Sie sind Archetypen, aber sie sind zugleich eben auch ganz modern. Meine Figuren bekommen keine bestimmten Charaktermerkmale zugewiesen, sondern sie charakterisieren sich fast ausschließlich über ihre Handlungen. Dadurch entstehen natürlich Überraschungen, und die dienen der dramatischen Entwicklung des Textes.

          Welches sprachliche Anliegen liegt Ihrem Schreiben zu Grunde?

          Ich möchte eigentlich die Wahrheit sagen. Das klingt jetzt furchtbar kokett. In dem Buch heißt es an einer Stelle: „Glauben Sie nicht, ich wüsste nicht, was es mit der Wahrheit auf sich hat, was für ein unerträglich großes Wort das ist, was für eine ländliche Prahlerei!“ Als ich das geschrieben hatte, merkte ich, dass die Wahrheit etwas Erstrebenswertes und Unerreichbares ist. Ich betone das deshalb, weil meinen Texten sehr oft eine Art Geheimniskrämerei unterstellt wird, ein Versteckspiel. Als würde ich ständig versuchen, umwegig zu sein, die Dinge nicht genau zu benennen, nicht zu sagen, was passiert.

          Im Gegenteil aber glaube ich, dass das etwas mit Zurückhaltung zu tun hat. Die Unmöglichkeit, eine Figur zu fassen oder der Handlung eine gerade Linie zu geben, entspricht meinem Gefühl, diesem Prozess der Annäherung an die Wahrheit. Deshalb ist die Sprache eigentlich klar, aber ich erwische sie natürlich auch nicht. Ich komme an sie ja genauso wenig heran wie an die Berbiolette. Was ich schreibe, entspricht meiner Empfindung der Welt. Und die kann ich nur im literarischen Text zum Ausdruck bringen.

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Einmal mehr hatte Paco Alcacer (Mitte) großen Anteil am Dortmunder Erfolg.

          Dortmunds 2:1 gegen Bremen : Wie berauscht

          Der Tabellenführer der Bundesliga ist derzeit nicht zu stoppen: Gegen Werder Bremen kommt die Borussia zu einem verdienten Heimerfolg und ist nun inoffizieller Herbstmeister. Kurz vor dem Schlusspfiff wird es nochmal turbulent.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.