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Felicitas Hoppe erhält Büchnerpreis : Hasenkind und Löwenritterin

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Selbsterkenntnis im Spiegel der Phantasie: Felicitas Hoppe Bild: picture-alliance / dpa

Felicitas Hoppe erhält den Büchner-Preis. Dass die gravitätische Ehrung dem Luftgeist unserer Literatur Blei an die Ferse hängt, ist nicht zu befürchten.

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          Wer ist Felicitas Hoppe? Versuchen wir es zunächst mit Fakten: Die so Getaufte ist Jahrgang 1960 und gebürtig aus der Rattenfängerstadt Hameln. Sie lebt in Berlin, ist dort aber oft nicht anzutreffen, weil sie viel reist – und von unterwegs begeistert Postkarten verschickt. Ihr Lieblingstier ist der Esel, ihre Lieblingsblume die Rose, und ihre liebste Rose die Pfingstrose. Sie schätzt einfache Gerichte wie Pellkartoffeln. Sie besitzt kein Handy und keine Handtasche, hat aber immer einen Rucksack dabei, in dem sich unter anderem ein Lippenstift und seit einiger Zeit ein Eishockey-Puck befinden. Dass sie Musik für die größte aller Künste hält, hat sie nicht daran gehindert, bislang fünf Romane und zahlreiche Bände mit Kurzgeschichten, Porträts und Essays zu veröffentlichen. Weniger bekannt ist, dass sie auch schon Texte für Matheschulbücher geschrieben hat. Ab sofort wird ihr Name oft mit dem Zusatz „Büchner-Preisträgerin“ versehen werden, denn die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat ihr soeben den mit 50.000 Euro dotierten renommiertesten Literaturpreis des Landes zuerkannt, der ihr am 27. Oktober in Darmstadt verliehen wird.

          Man könnte Felicitas Hoppe auch anders vorstellen: Ihr Element ist die Luft, ihr Fortbewegungsmittel die Montgolfière, mit der sie flink über die sieben Meere und durch die Jahrhunderte gleitet. Auf diesem Bild sind ihre Bücher Ballast, den sie abwirft, um noch höher zu steigen, die nächste Sphäre zu erkunden. Doch auch, wenn dieses schwerelos daherkommende erzählerische Werk nun mit dem wichtigsten, also gravitätischsten Literaturpreis ausgezeichnet wird, steht nicht zu befürchten, dass dies die Geehrte wie Blei zu Boden ziehen wird.
          Schon aus statistischen Gründen leuchtet die feine Entscheidung der Akademie ein. Seit Brigitte Kronauer vor sieben Jahren ist keine Autorin mehr ausgezeichnet worden, und mit ihren einundfünfzig Jahren ist Felicitas Hoppe außerdem die seit langem jüngste Preisträgerin – was auch insofern passt, als dass Jungsein ihr außerordentlich liegt.
          Aber nicht nur solchen Äußerlichkeiten nach, sondern auch literarisch ist die helle, schnelle Hoppe ein Segen für den Preis. Denn so vielseitig und beweglich ihr Werk anmutet, so geschlossen und vor allem eigenständig ist es, bemerkenswert unbeeindruckt von geistigen Moden.

          Nach Kanada ausgewandert

          Zur Begründung der Akademie heißt es, Felicitas Hoppe habe in einer lakonischen und lyrischen, eigensinnigen und uneitlen Prosa ein erzählerisches Universum erfunden, „in dem Grundfragen eines ,postmodernen‘ Daseins mit freier und befreiender Phantasie durchgespielt werden“. Damit ist wohl gemeint, dass die Bücher Hoppes sich bei aller Fabulierlust nicht mit dem Drehen kunstvoller Pirouetten begnügen, sondern auch ein großes Thema verfolgen. Tatsächlich geht es in ihnen um das Ur-Abenteuer der Identität: Wer bin ich, wer war ich und wer könnte ich noch sein?

          Dieser ewig offenen Frage, auf die es naturgemäß immer nur vorläufige Antworten geben kann, hat sich die Schriftstellerin in ihrem neuesten Werk scheinbar frontal gestellt: „Hoppe“ ist eine Alternativbiographie, die in der dritten Person von einer gewissen Schriftstellerin namens Felicitas Hoppe erzählt, die als Vierjährige mit dem Vater nach Kanada auswandert und dort eine Begabung für Eishockey und eine Leidenschaft für den späteren Starspieler Wayne Gretzky entwickelt. Sodann zieht das Mädchen mit dem Rucksack weiter nach Australien, wo sich eine Karriere als Dirigentin abzeichnet, strandet dann aber in Amerika, wo sie an der Universität von Oregon Deutsch unterrichtet. Leicht könnte diese „Traumbiographie“ aus dem Parallelreich der Phantasie ins Manieristisch-Eitle abrutschen, doch Hoppe entkommt dieser Falle mit hakenschlagender Selbstironie – nicht umsonst ist im Roman „Häsi, das Hasenkind“ der erste Buchtitel der Siebenjährigen.

          Iwein Löwenritter - ihr bezauberndstes Werk

          Hoppes Heldinnen und Helden tragen auffallend gern Rüstung – aber mit offenem Visier. Da wäre etwa ihre gewaltige Romanvision der Jeanne d’Arc, „Johanna“ (2006), eine jener perspektivisch gebrochenen Lebensgeschichten, auf die sich die Autorin so gut versteht. Denn die Erzählerin, die über die französische Nationalheldin forscht, wird mit ihrer Dissertation zwar akademisch scheitern, erringt aber für die Poesie einen Sieg: „Die Geschichte besteht aus Qual und Bemühung, aus Einsicht und Furcht, aus Versuch und Angst, aus Respekt und Eifer, aus Einwand und Schweiß, aus endlosen langen schlaflosen Nächten“, entgegnet sie ihren Professoren – und richtet die Lanze damit nebenbei auch gegen jene Kritiker, die Hoppes Werk die Sinnlichkeit abgesprochen haben.

          Auf Johanna von Orléans ließ Hoppe 2008 „Iwein Löwenritter“ folgen, ihr bezauberndstes Werk, in dem Hartmann von der Aues Artusritter auf seiner unermüdlichen Suche nach Abenteuern Burg und Gemahlin vergisst. Doch just, als er zum närrischen Waldschrat zu werden droht, überwindet er die Finsternis des Immerwalds, mit seinem Immerschwert, begleitet von seinem Löwen sowie einem wunderbar großspurigen Kommentator, der die Gesetze der Castingshow mit denen der höfischen Dichtung in schönsten Einklang auf die Waldlichtung bringt: „Glaubt es mir, oder glaubt es mir nicht, aber alle Wörter zerfielen zu Staub.“

          Es sind Heldengeschichten im Zickzackkurs, die Felicitas Hoppe reizen, wenn sie als klarsichtiger Passagier zwischen Kontinenten und Zeiten kreuzt: Das war in ihren Porträts „Verbrecher und Versager“ (2004) von Schillers Jugendfreund Franz Joseph Kapf bis zum barocken Schiffsgärtner Georg Meister nicht anders als im vorangehenden Roman „Paradiese, Übersee“. Ganz wie Don Quixote haben auch ihre Heroen immer einen Sancho Pansa dabei, einen, der im Hintergrund bleibt, ohne den es aber keine Geschichte gäbe. So erscheint auch in „Paradiese, Übersee“ der Ritter „ohne Plan und ohne Auftrag“ auf der Suche nach dem Fabelwesen in Begleitung eines eifrigen Chronisten, nämlich Zeitungsschreibers. Und der „redet, wie andere Berge versetzen, die Suppe redet er kalt, er bringt mit seinen Reden den Schnee zum Schmelzen und redet das Wasser zu Eis, er redet sich selbst um Kopf und Kragen, bis am Ende nichts als sein Hemd, seine leere Haut, zwischen uns am Tisch sitzt.“
          Dieser Schriftstellerin geht es um das Finden durch Erfindung, um Selbsterkenntnis im Spiegel der Phantasie, umrahmt von Sagen, Märchen und Legenden. Sie ist imstande und verwandelt Büchner-Preisträger zu Rittern der Tafelrunde.

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