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Felicitas Hoppe erhält Büchnerpreis : Hasenkind und Löwenritterin

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Dieser ewig offenen Frage, auf die es naturgemäß immer nur vorläufige Antworten geben kann, hat sich die Schriftstellerin in ihrem neuesten Werk scheinbar frontal gestellt: „Hoppe“ ist eine Alternativbiographie, die in der dritten Person von einer gewissen Schriftstellerin namens Felicitas Hoppe erzählt, die als Vierjährige mit dem Vater nach Kanada auswandert und dort eine Begabung für Eishockey und eine Leidenschaft für den späteren Starspieler Wayne Gretzky entwickelt. Sodann zieht das Mädchen mit dem Rucksack weiter nach Australien, wo sich eine Karriere als Dirigentin abzeichnet, strandet dann aber in Amerika, wo sie an der Universität von Oregon Deutsch unterrichtet. Leicht könnte diese „Traumbiographie“ aus dem Parallelreich der Phantasie ins Manieristisch-Eitle abrutschen, doch Hoppe entkommt dieser Falle mit hakenschlagender Selbstironie – nicht umsonst ist im Roman „Häsi, das Hasenkind“ der erste Buchtitel der Siebenjährigen.

Iwein Löwenritter - ihr bezauberndstes Werk

Hoppes Heldinnen und Helden tragen auffallend gern Rüstung – aber mit offenem Visier. Da wäre etwa ihre gewaltige Romanvision der Jeanne d’Arc, „Johanna“ (2006), eine jener perspektivisch gebrochenen Lebensgeschichten, auf die sich die Autorin so gut versteht. Denn die Erzählerin, die über die französische Nationalheldin forscht, wird mit ihrer Dissertation zwar akademisch scheitern, erringt aber für die Poesie einen Sieg: „Die Geschichte besteht aus Qual und Bemühung, aus Einsicht und Furcht, aus Versuch und Angst, aus Respekt und Eifer, aus Einwand und Schweiß, aus endlosen langen schlaflosen Nächten“, entgegnet sie ihren Professoren – und richtet die Lanze damit nebenbei auch gegen jene Kritiker, die Hoppes Werk die Sinnlichkeit abgesprochen haben.

Auf Johanna von Orléans ließ Hoppe 2008 „Iwein Löwenritter“ folgen, ihr bezauberndstes Werk, in dem Hartmann von der Aues Artusritter auf seiner unermüdlichen Suche nach Abenteuern Burg und Gemahlin vergisst. Doch just, als er zum närrischen Waldschrat zu werden droht, überwindet er die Finsternis des Immerwalds, mit seinem Immerschwert, begleitet von seinem Löwen sowie einem wunderbar großspurigen Kommentator, der die Gesetze der Castingshow mit denen der höfischen Dichtung in schönsten Einklang auf die Waldlichtung bringt: „Glaubt es mir, oder glaubt es mir nicht, aber alle Wörter zerfielen zu Staub.“

Es sind Heldengeschichten im Zickzackkurs, die Felicitas Hoppe reizen, wenn sie als klarsichtiger Passagier zwischen Kontinenten und Zeiten kreuzt: Das war in ihren Porträts „Verbrecher und Versager“ (2004) von Schillers Jugendfreund Franz Joseph Kapf bis zum barocken Schiffsgärtner Georg Meister nicht anders als im vorangehenden Roman „Paradiese, Übersee“. Ganz wie Don Quixote haben auch ihre Heroen immer einen Sancho Pansa dabei, einen, der im Hintergrund bleibt, ohne den es aber keine Geschichte gäbe. So erscheint auch in „Paradiese, Übersee“ der Ritter „ohne Plan und ohne Auftrag“ auf der Suche nach dem Fabelwesen in Begleitung eines eifrigen Chronisten, nämlich Zeitungsschreibers. Und der „redet, wie andere Berge versetzen, die Suppe redet er kalt, er bringt mit seinen Reden den Schnee zum Schmelzen und redet das Wasser zu Eis, er redet sich selbst um Kopf und Kragen, bis am Ende nichts als sein Hemd, seine leere Haut, zwischen uns am Tisch sitzt.“
Dieser Schriftstellerin geht es um das Finden durch Erfindung, um Selbsterkenntnis im Spiegel der Phantasie, umrahmt von Sagen, Märchen und Legenden. Sie ist imstande und verwandelt Büchner-Preisträger zu Rittern der Tafelrunde.

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