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Fehlfarben : „Spielt das Zeug bloß nicht!“

  • -Aktualisiert am

„Die Menschheit starb nach tausend Jahren” - Fehlfarben sind wieder da Bild: Fritz Brinckmann

Peter Hein will eigentlich gar nichts, es sei denn, er singt. Vielleicht ist deshalb die neue Platte seiner Band "Fehlfarben" so großartig.

          6 Min.

          Peter Hein trägt an diesem Abend italienische Halbschuhe, spitz und schwarz, einen Pullover mit dezentem Glitzermuster und sehr zerrissene Jeans. Seine Haare, die früher kurz wie Streichhölzer waren, fallen ins Gesicht wie der Vorhang vor einer anderen Wirklichkeit. Eine Haltung hat Peter Hein, als hätte er sich weggebückt vor der Welt - oder sich ihr vergebens in den Weg gestellt. Einer Welt, die mal etwas von ihm wollte: er wollte aber nichts von ihr. So steht er krumm da und sagt einfach nur "Hallo".

          Wer ihn kennt, erkennt ihn wieder: die Leitfigur des deutschen Punks, der Sänger der "Fehlfarben", 20 Jahre nach deren Album "Monarchie und Alltag", das sich so konstant verkauft hat, daß es vor kurzem eine goldene Schallplatte wurde: "Vielleicht hat es Punk hier nie gegeben", sagt Peter Hein, "und wenn, dann nur ein Jahr. Da war ja auch nichts Tolles oder Missionarisches dabei, das war doch nur, um lustig und anders zu sein."

          Zwischen dem Peter Hein von damals und dem Peter Hein, der jetzt eine neue Platte ("Knietief im Dispo") mit seiner legendären Band "Fehlfarben" gemacht hat, liegt nicht nur eine lange Zeit, die man in seinem Gesicht ablesen kann. Es hat sich eine Unschärfe eingestellt - wie vom Ursprung zur zigsten Vervielfältigung einer Kopie.

          Fehlfarben: „Knietief im Dispo” (Cover)

          Mit dem Kopieren hat der Punk auch angefangen, damals genauso wie heute das Revival, in Deutschland jedenfalls. Heute sind es Bücher wie Jürgen Teipels "Verschwende deine Jugend" oder Neo-Punk-Bands wie "Mia", die ein Thema in die dazu scheinbar passende Gegenwart hineinkopieren. Damals waren die ersten Vorbilder Fotos aus dunklen Londoner Kellern. Peter Hein wohnte zu Hause und hörte "The Who" und die "Kinks". In der Schule hätten sie ihn immer als letzten ins Handballteam gewählt, und auch sonst wäre er in keiner Hinsicht besonders aufgefallen. Dann habe er in der englischen Musikzeitschrift "NME" ein Bild gesehen. Er kaufte sich ein paar Singles und wußte nicht, daß das Punkrock war. "Die sahen einfach nur gut aus", sagt er, "mit merkwürdigen Kritzeleien von Filzstiften. Und auf den Fotos waren die Leute, soweit man das erkennen konnte, so komisch angezogen." Peter Hein machte damals eine Lehre, arbeitete bei der Elektronikfirma Xerox in Düsseldorf, die den Kopierer erfunden hat.

          "Das hatte etwas Politisches. Vor allem war es anders. Etwas anders zu machen war viel wichtiger, als es besser zu machen." Peter Hein heftete sich Büronadeln an die Jacke und ans Ohr, setzte eine Kindersonnenbrille auf und machte sich einen Riß ins Hosenbein. Mit ein paar anderen, die sich ähnlich hergerichtet hatten, setze er sich auf einen Stromkasten in der Düsseldorfer Altstadt und schaffte es, einige Passanten zu erschrecken. Abends trafen sich die Leute mit dem Hang zu Rissen in den Hosen im Ratinger Hof, wo sich die ersten Düsseldorfer Punk-Bands formierten. "Charlies Girl", "S.Y.P.H", "Mittagspause", schließlich die "Fehlfarben".

          "Man diskutierte mehr und probte, als daß man wirklich spielte", erinnert sich Peter Hein. Anfangs versuchten sie, englischen Punk und Ska zu kopieren. "Aber weil wir das gar nicht so gut nachspielen konnten oder wollten, anfangs, entstand dann etwas anderes." Und das andere war auch gut.

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