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Federico García Lorca : Totenunruhe

Zwar ist die Debatte um das Für und Wider der Exhumierung des ermordeten Dichters Federico García Lorcas schon oft geführt worden, diesmal aber könnte die Lösung näher sein als je zuvor. Nobelpreisträger José Saramago spricht gar von einer „nationalen Aufgabe“.

          Der portugiesische Literaturnobelpreisträger José Saramago hat jetzt in seinem Blog davon erzählt, wie vor sieben, acht Jahren ein junger Mann namens Emilio Silva zu ihm gekommen sei und um „moralische Unterstützung“ gebeten habe: für die Aufgabe nämlich, seinen im Bürgerkrieg erschossenen Großvater aus dem Massengrab zu holen und ihm einen würdigen Ruheort zu geben.

          Seitdem hat die Bewegung ganz Spanien erfasst, und es war unvermeidlich, dass sie wieder beim berühmtesten Toten des Bürgerkriegs ankommt, dem ermordeten Dichter Federico García Lorca, dessen sterbliche Überreste in einem Feld bei Granada liegen. Man kennt den ungefähren Ort, weiter nichts. Zwar ist die Debatte um das Für und Wider des Exhumierungsversuchs schon oft geführt worden, diesmal aber könnte die Lösung näher sein als je zuvor.

          Die Tatenlosigkeit des Staates

          Der Untersuchungsrichter Baltasar Garzón hat die spanischen Gemeinden aufgefordert, Unterlagen über den Verbleib jener Ermordeten zusammenzutragen, die dem Aufstand der rechten spanischen Militärs im Sommer 1936 zum Opfer fielen. In Massengräbern sollen noch Zehntausende liegen. Unklar ist zwar, ob Garzón danach überhaupt befugt sein wird, die Exhumierungen anzuordnen, offen ist auch, was die Ausweitung der Anklage auf Völkermord für das Amnestiegesetz von 1977 bedeuten würde. Auf der anderen Seite stehen Famillien, die endlich ihre Angehörigen bestatten wollen.

          Lorcas Mörder begruben den Dichter in der Nähe eines Grundschullehrers und zweier Anarchisten, deren Familien jetzt gerichtlich beantragt haben, die Leichen zu exhumieren. Natürlich kann man schlecht nach dem einen suchen und den anderen in Ruhe lassen. Der „Steilhang von Víznar“ bei Granada, heute ein Gedenkort, würde sich in eine archäologische Stätte verwandeln. Saramago nennt das eine „nationale Aufgabe“. Lorcas Großnichte Laura García Lorca hat jetzt erklärt, die Familie ziehe zwar vor, das Gelände unangetastet zu lassen, respektiere aber die Wünsche anderer, nach ihren Toten zu suchen.

          Das Problem ist nicht die Haltung von Privatpersonen; es gibt verschiedene legitime Formen des Gedenkens. Skandalös ist die Tatenlosigkeit des Staates. Bisher hat sich das demokratische Spanien feige vor der Aufgabe gedrückt, den Bürgern bei der Suche nach ihren erst liquidierten, dann illegal verscharrten Angehörigen zu helfen. Solange das nicht geschieht, bleibt die von der Zapatero-Regierung beschworene „historische Erinnerung“ ein hohler Begriff.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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