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Zum Tod von Anneliese Ruppel : Frankfurter Redaktionsweltgeist

Ihr Abschied aus der Redaktion 2002 war keineswegs einer aus dem Kulturleben: Anneliese Ruppel mit Eduard Beaucamp und Frank Schirrmacher. Bild: Barbara Klemm

47 Jahre lang hatte sie das Feuilleton der F.A.Z. geprägt, zuletzt als Sekretärin des Herausgebers Frank Schirrmacher. Dabei war sie keine Schreib-, sondern eine Triebkraft. Zum Tod von Anneliese Ruppel.

          Beim vorletzten Besuch, drei Wochen ist das her, war Anneliese Ruppel wieder ganz die Alte. Oder besser gesagt: die Ewigjunge, mit Kampfkraft, Witz und Schandmaul. Sie hatte, obwohl sie gar nicht mehr gehen konnte, just an diesem Morgen einem Hospiz, in dem sie untergebracht war, adieu gesagt: „Da gab es ja nur alte Insassen und freche junge Pfleger, nichts für mich!“ Nun lag sie wieder im Krankenhaus ihres Vertrauens und fragte, wie es um die Römerberggespräche stehe. Die letzten zwölf Jahre lang hatte sie die Geschicke dieser traditionsreichen Frankfurter Diskussionsveranstaltung gelenkt. Wenn es nun nach dem plötzlichen Rückzug etwas schwierig werde, dann sollte man doch mal eine Vorbereitungssitzung in ihr Krankenzimmer verlegen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          So war sie: unvergleichlich für alle, die sie kannten, unentbehrlich aus eigener (und fremder) Überzeugung. Viel länger als die Römerberggespräche prägte sie das Feuilleton dieser Zeitung, 47 Jahre lang, von 1955 bis 2002, zuletzt als Sekretärin des Herausgebers Frank Schirrmacher. Aber Anneliese Ruppel war keine Schreib-, sie war eine Triebkraft. Die Redaktion stand ständig unter ihrem Dampf. Neue Kollegen, am liebsten die, die sich für Stars hielten, stutzte sie zurecht, unbeholfenen Novizen stand sie zur Seite - zum Beispiel Thomas Bernhard, als der spätere Schriftsteller als junger Hospitant für drei Monate nach Frankfurt kam. Daraus entstand eine der vielen Freundschaften, die Anneliese Ruppel in Schriftsteller- und Verlagskreisen pflegte. Und die der Zeitung viel genutzt haben.

          Ein schlechtes Zeichen

          Sie war nicht nur Schreib-, auch Schreikraft: Wenn Anneliese Ruppel schimpfte, dann duckten sich ebenfalls jene weg, die gar keinen Anlass dazu geboten hatten. Und ein früherer Feuilletonchef seufzte einmal, als eine Autorin ihm erzählte, dass ihr Artikelvorschlag mit dem Ruppelschen Diktum „Hat im Feuilleton nichts verloren“ belegt worden war: „Ja ja, sie ist der Weltgeist.“

          Doch sie war auch ein guter Geist, der mit großem Organisations- und Verhandlungsgeschick beschenkt war. Der ausnahmslos jedem die Meinung sagte. Und der zu ausnahmslos jedem eine Meinung hatte. 1934 in Gießen geboren, war Anneliese Ruppel Frankfurterin mit Leib und Seele geworden, die man überall in der Stadt traf, eine graue Eminenz mit vielfarbigen Interessen. Sie war nimmermüde, und deshalb durfte es als schlechtes Zeichen gelten, als sie beim letzten Besuch, kaum mehr als zwei Wochen ist das her, auf die Frage, ob denn bald eine Römerbergvorbesprechung bei ihr stattfinden werde, antwortete: „Ach, lassen wir das mal lieber.“ Am vergangenen Freitag ist Anneliese Ruppel im Alter von 81 Jahren nach schwerer Krankheit gestorben. Ihr Freund Walter Haubrich, der langjährige Spanien-Korrespondent dieser Zeitung, der selbst kürzlich starb, hatte zu ihrem siebzigsten Geburtstag gesagt, was nötig ist: „Nicht nur vielen Künstlern und Intellektuellen galt sie als eine der wichtigsten Personen in der Zeitung.“ Auch uns.

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