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FAZ.NET sucht Suhrkamp-Geschichten (3) : Eine Back-List, ein Brief, eine weißhaarige Dame

  • Aktualisiert am

Dem Suhrkamp Verlag droht als Folge des Streits seiner Gesellschafter die Auflösung. Wir haben Leser um ihre persönliche Suhrkamp-Geschichten gebeten.

          Die 80er, zum 1. Mal auf der Buchmesse; glücklich, die „Buchhhändlertage“ undercover zum billigen Bucherwerb nutzen zu können - und dann ein Roman von W.C. Williams; unerwartet am Stand von Hanser, soweit ich mich erinnere..
          Jedenfalls WAR ES NICHT SUHRKAMP - und das entsetzte mich: ich hatte mich vor einer Weile in den englisch-deutschen Gedichtband „Die Worte, die Worte“ aus der edition verliebt und sah nun Frevel kommen - Romane würden gewiss immer weiter gedruckt werden; aber die Rechte so eines kleinen Lyrikbandes einmal aus der Hand gegeben - das würde ihn für alle Zukunft unauffindbar machen, da war ich mir sicher.
          Stürzte also zum Suhrkamp-Stand, zupfte dort eine allein herumstehende hochvornehm aussehende weißhaarige Dame am Ärmel und sagte zu ihr entsetzt - Entschuldigen Sie, aber ich habe nun diesen Roman von ... bei ... entdeckt. Und ob dass nun hieße, dass … und nein, sie dürften n i e und nimmer die Rechte.. weil dann würde ja - !
          (Ich war Kunststudentin im frühen Semester und neigte zur Aufgeregtheit.)


          Die Dame hörte sehr ruhig zu, eine Augenbraue minimal angehoben, und fragte dann langsam und konzentriert, ob das mein Lieblingsautor sei.
          Ich zögerte, gestand dann wahrheitsgemäß, dass einer ganz allein mir wirklich nicht möglich sei - aber wenn man vielleicht 5, oder 10 - .
          Weil nunmal… Und die meisten wären hier im Verlag, und, aber - Sie nickte und schien zu verstehen.
          -Ich habe den Band schon d r e i mal gekauft, sagte ich, aber mehr Geld habe ich nicht! Jetzt kann ich ihn womöglich nie mehr verschenken oder weitergeben - denn jetzt gerade ist er ja VERGRIFFEN!!! Sie DÜRFEN die Rechte daran NIEMALS weggeben! Das wollte ich nur –. Weil sonst...


          Sie überlegte eine Zeit lang so vor sich hin schauend und sagte dann, bedächtig nickend: Also, wir haben da vielleicht noch einige Exemplare auf Lager. Wenn Sie mir Ihre Adresse geben, darf ich Ihnen dann einen Band zukommen lassen?
          Ich nickte verblüfft (und war endlich still:). Nur zwei Wochen später kam ein Päckchen. Es enthielt den Gedichtband, und ein Begleitschreiben auf dem edelsten Papierbogen, den ich bis dahin je zu Gesicht bekommen hatte. Hoffnung, mir gedient haben zu können stand da, und darunter handschriftlich in blauer Tinte: „Ihre sehr ergebene Frau Helene Ritzerfeld“.

          Die ruhige weißhaarige Dame hatte ich hinreißend gefunden, in ihren Brief alten Stils (mitsamt Verlagshaus zu dem solches gehörte) mich sofort verliebt und erst Jahre später begriffen, was eine Backlist bei Suhrkamp bedeutet; und dass sie selber für Rechte aus dem Englischen zuständig gewesen war. Ich hoffe darum, das mein Ungestüm für die Wörter sie damals im Messegewühl auch ein bisschen erfreut haben könnte. Mögen die Götter Suhrkamps Back-List schützen, dieses wundervolle Archiv; und Mitarbeiter, die im nüchtern-offenen Geist Frau von Ritzerfelds unterwegs sind.

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