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FAZ.NET sucht Suhrkamp-Geschichten (2) : Ein Hospitanz bei Suhrkamp

  • Aktualisiert am

Dem Suhrkamp Verlag droht als Folge des Streits seiner Gesellschafter die Auflösung. Wir haben Leser um ihre persönliche Suhrkamp-Geschichten gebeten.

          Stefan steht in der Tür und atmet schwer. Ich sortiere die Post.

          Er sei zu spät zum vereinbarten Treffen mit dem Starphilosophen gekommen, dieser sei geschlagene 15 Minuten auf dem Bahnhofssteig gestanden und habe gewartet. Stefan habe sich mehrfach entschuldigt, doch der Starphilosoph habe ihn im Taxi keines einzigen Blickes gewürdigt und auf Stefans matte Scherze nicht reagiert, ihn behandelt, als sei er Luft. Zudem habe Stefan den Assistenten des Starphilosophen als Assistenten bezeichnet, was sich dieser ausdrücklich verbat mit dem Hinweis auf seine beiden Magistertitel. Welche Bezeichnung indessen am Platz wäre, ließ er dahingestellt. Der Starphilosoph war aus Istanbul gekommen und fliegt morgen weiter nach New York.
          Ich sage etwas wie, Das darf man nicht so ernst nehmen, und setze meine Arbeit fort.

          Auf dem Gang hört man einen Trolley, ich sehe die Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit, gleich dahinter, leicht gebückt, Cees Nooteboom, der einen flüchtigen Blick in mein Zimmer wirft.

          Am Nachmittag sitzen wir in einem großen Besprechungsraum und hören Hesse-Platten. Unter einem Glassturz befindet sich ein Faksimilie von Brecht, an der Wand hängt ein Goethe-Porträt von Warhol.
          Herr Traubinger erklärt den vier anderen Mitarbeitern am Tisch, man könne doch so etwas wie das Rilke-Projekt mit Hesse machen, Xavier Naidoo sei dafür mit Sicherheit zu begeistern.

          Herr Winter scheint unzufrieden, er murmelt etwas in sich hinein, das ich nicht verstehen kann, vielleicht geht es auch um etwas anderes als das eben Besprochene, der Herr neben ihm zischt in einem fort, Herr Winter! Herr Winter!, nun machen sie mal halblang, reißen sie sich zusammen, Nun Herr Winter, also jetzt langt’s dann mal, das kann man doch auch anders sagen, Herr Winter, muss das denn immer so laufen ... man könne doch die persönlichen Animositäten hintanstellen, hier geht’s um den Verlag und wie man das uns anvertraute kulturelle Erbe herüberrettet in eine neue Zeit, für eine Generation attraktiv macht, die mit der linken Hand Ego-Shooter spielt, während sie mit der rechten SMS schreibt und im Hintergrund läuft vielleicht Xavier Naidoo, der Hesse zeitgemäß interpretiert. Herr Winter zieht ein Gesicht, das stark vermuten lässt, dass ihn die bloße Idee anwidert.

          Herr Traubinger lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, er skizziert sein Projekt und betont, dass er alle ins Boot holen wolle. Ich sehe den Blättern im Fenster zu und wiege den Kopf zur Panflötenmusik, die das Hesse-Gedicht umrahmt.

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