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FAZ.NET sucht Suhrkamp-Geschichten (1) : Mein Suhrkamp in Athen

  • -Aktualisiert am

Dem Suhrkamp Verlag droht als Folge des Streits seiner Gesellschafter die Auflösung. Wir haben Leser um ihre persönliche Suhrkamp-Geschichten gebeten.

          Meine allererste Begegnung mit einem Suhrkamp Band fand in einer kleinen Athener Buchhandlung für deutsche Bücher statt, im Jahr 1970, worauf ich mit der Neugier des Ahnungslosen, eher zufällig, doch schicksalhaft stoß. Eigentlich war es das zweite Buch von diesem legendären Verlag, denn kurz davor, in der Obersekunda der Deutschen Schule Athen-Dörpfeld Gymnasium sollten wir uns als Pflichtlektüre Das Leben von Galilei, vom „armen BB“, besorgen.

          Das Taschenbuch mit dem grauen Umschlag trug zwischen den 9 schwarzen Linien, die an eine Notenheftseite erinnerten, den Titel Die verhinderte Demokratie. Modell Griechenland, herausgegeben von zwei prominenten Mitarbeitern der griechischen Sendung der Deutschen Welle, Marios Nikolinakos und Kostas Nikolaou,  und beinhaltete eine Reihe von Texten und Artikeln über den Militärputsch in Griechenland, verfasst u.a. von dem heutigen Präsidenten der Hellenischen Republik Karolos Papoulias (von seinem Artikel lernte ich das damals mir unbekannte Fremdwort „Brevier“ lernen), Basil P. Mathioploulos, dessen Tochter zwei Jahrzehnten danach für Furore innerhalb der SPD sorgen würde, und anderen griechischen Intellektuellen, die dadurch zum Demokratieverständnis und Widerstand gegen die griechische Junta in Deutschland und Griechenland wesentlich beigetragen haben.

          Seitdem begleiteten mich diese Regenbogen-Umschläge in der Tasche und im Zug, im Studium oder auf der Reise, und ich verfolge die Suhrkamp-Kultur (G. Steiner) bis heute noch, manchmal mit gedämpftem Stolz die Bücherregale meiner Bibliothek betrachtend, bestückt zum grössten Teil von diesen raffinierten Taschenbucheditionen, gestaltet von Willy Fleckhaus und öfters in den Bänden von Adorno, Benjamin und Johnson bis zum Proust, Walser und Weiss nachschlagend, aber auch in den Texten von Buselmaier und Ostermaier bis zum Handke, Lem (mit seiner berühmten Rezensionsammlung von fiktiven Büchern, darunter Alfred Zellermanns „Erstlingsroman“, erschienen  beim Suhrkampf Verlag“), Poulantzas, Queneau u.v.a., Suhrkamp war für mich (und bleibt bis heute noch) der wichtigste Orientierungspunkt zum deutschen Geist und zur europäischen Tradition (der Moderne). Viel später, im Rahmen der journalistischen und verlegerischen Tätigkeiten, jeder Besuch der Frankfurter Buchmesse wurde  zum Teil eines Ritus und Habitus: man besorge die FAZ mit der Literaturbeilage zur Herbstliteratur und stattete den obligaten Besuch an den Suhrkamp Stand ab, als ersten Schritt durch die Buchmesse; ab und zu schaute man im Verlagshaus vorbei. Vom ehemaligen (nun abgerissenen) Gebäude an der Weidenallee in Frankfurt Westend machte ich ein Bild, ohne damals noch ahnen zu können, dass seine Geschichte einige Jahre später an den Untergang des Hauses Usher erinnern könnte.

          Vom Suhrkampf bis zum Suhrkamputt (FAZ) hat der Verlag Buch für Buch und Hand in Hand mit dem Bildungsbürgertum des Nachkriegsdeutsch-lands den langen Marsch durch die Institutionen geprobt und uns  das Lesen (wieder) gelernt. Ein Grund dafür, anstatt nekrophile, eher bibliophile Erinnerungen zu wecken, in der Hoffnung, das Haus Suhrkamp wird nicht untergehen.

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