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FAZ.NET-Spezial Rechtschreibreform : Auf den Sprachgebrauch kommt es an

Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

Seit der jüngsten Sitzung des Rates für deutsche Rechtschreibung gibt es berechtigten Anlaß zur Hoffnung, daß die umstrittensten, den Sinn grotesk entstellenden Teile der Rechtschreibreform bis zum 1. August zurückgenommen werden. FAZ.NET-Spezial

          3 Min.

          Seit der jüngsten Sitzung des Rates für deutsche Rechtschreibung gibt es berechtigten Anlaß zur Hoffnung, daß die umstrittensten, den Sinn grotesk entstellenden Teile der Rechtschreibreform bis zum 1. August zurückgenommen werden.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Während es lange Zeit so aussah, als könnten sich die für die Reform Verantwortlichen mit ihrem Widerstand gegen jegliche Änderungen durchsetzen, scheint ihnen nun daran zu liegen, gemeinsam mit den Reformkritikern zu einer möglichst großen Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung zu gelangen.

          Denn die herrschende Schreibanarchie ist nicht länger hinzunehmen. Inzwischen sollen allein vier Versionen des Dudens im Umlauf sein. Selbst Erwachsene, die früher alle Rechtschreibregeln sicher zu beherrschen glaubten, werden zunehmend unsicher, geradezu verwirrt. Wie mag es erst Schülern gehen, die tagtäglich in ihren Deutschbüchern zwei verschiedene Schreibweisen nebeneinander sehen, weil die meisten literarischen Texte den bewährten Regeln folgen und auch so gedruckt werden müssen?

          Ein Rat gegen die herrschende Schreibanarchie
          Ein Rat gegen die herrschende Schreibanarchie : Bild: dpa/dpaweb

          Zu Recht hat der Vorsitzende des Rates, der frühere bayerische Kultusminister und spätere Wissenschaftsminister Zehetmair, festgestellt, das Gremium dürfe nicht zu dem Ergebnis kommen, daß „die Schule so schreibt und die Öffentlichkeit anders“. Selbst die Reformer im Rat haben eingesehen, daß die Getrennt- und Zusammenschreibung, Interpunktion, Silbentrennung am Zeilenende und auch die Fremdwortschreibung nicht in der geltenden Form beibehalten werden können.

          An die Stelle fanatischer Richtungskämpfe zwischen Kritikern und Reformern ist inzwischen eine sachliche und besonnene Debatte getreten, die nicht bis zum 1. August 2005 beendet sein wird. Dann werden in den Schulen die Schreibungen nach den früheren Regeln als Fehler bewertet werden. Nach dem einstimmigen Beschluß der zuständigen Arbeitsgruppe für die Getrennt- und Zusammenschreibung ist damit zu rechnen, daß der Rat der Rücknahme der gesamten Neuregelung der Getrennt- und Zusammenschreibung zustimmt. Insofern erscheint es nur konsequent, daß er mit seiner Entscheidung wartet, bis alle Paragraphen zu diesem Thema beraten wurden.

          Unzweifelhaft ist auch der Wille, ein weiteres fragwürdiges Gebiet der Reform zu ändern, die Silbentrennung am Zeilenende und die Interpunktion. Denn inzwischen sind die meisten Zeitungen und Zeitschriften, aber auch viele Schulbuchverlage wieder dazu übergegangen, die sparsame Reform-Interpunktion aufzugeben und die Kommaregeln im Dienste der besseren Lesbarkeit wieder in Kraft zu setzen.

          Im Unterschied zur Vorgehensweise der Reformer scheint für den Rat der Sprachgebrauch wieder zur Leitlinie seines Handelns zu werden. Darin liegt die entscheidende Kehrtwendung. Sprache läßt sich nicht durch am grünen Tisch entworfene Regeln systematisieren. Die Neuregelung der Getrennt- und Zusammenschreibung war wegen des geradezu dogmatischen Regelungswahns, der sich in ihr zeigte, von vornherein zum Scheitern verurteilt.

          Das Bedürfnis nach erschöpfenden Regeln war nie eines der Schreibenden oder gar der Schüler gewesen, sondern lag im Interesse einiger Sprachwissenschaftler. Gemessen an der Maxime eines der Hauptreformer, daß eine linguistische Theorie falsch sei, die nicht die üblichen Schreibungen erzeuge, hat sich der Komplex der Getrennt- und Zusammenschreibung als völlig verfehlt erwiesen. Er hat nämlich weithin unübliche Schreibungen hervorgebracht. Schlimmer noch, die Reform ebnete erhebliche Sinnunterschiede ein und leistete dadurch mangelnder Präzision im sprachlichen Ausdruck Vorschub. Sie hat ausgerechnet in Zeiten, da die Leseunlust von allen Seiten beklagt wird, das verständige Lesen erschwert.

          Auch wenn das Ergebnis der Beschlüsse sich noch nicht mit Sicherheit vorhersagen läßt, hat der Rat bisher allen Befürchtungen zum Trotz erstaunliche Unabhängigkeit bewiesen. Im Unterschied zum Vorgängergremium, der Zwischenstaatlichen Kommission, läßt der Rat sich nicht von Erwartungen der Kultusminister leiten. Es ist unmöglich, bis zum 1. August neue Wörterbücher oder gar neue Schulbücher zu drucken, denn bis dahin wären bestenfalls die Beratungen des Rates über die strittigsten Komplexe der Reform abgeschlossen.

          Alles hängt nun davon ab, wie die Kultusminister mit den neuen Änderungsvorschlägen umgehen. Dem Statut nach müssen zunächst Lehrer- und Elternverbände angehört werden. Die Minister sind nicht dazu verpflichtet, die Vorschläge des Rates unwidersprochen hinzunehmen. Das weiß auch Zehetmair. Mit gutem Grund empfahl er seinen früheren Kollegen dringend, sich nicht den Vorschlägen des Rechtschreibrats zu verweigern. Damit riskierten die Kultusminister den endgültigen Verlust ihrer Glaubwürdigkeit. Sie sollten aus dem Ringen um die Rechtschreibreform gelernt haben, nicht mehr zu versuchen, in die Sprachentwicklung reglementierend einzugreifen.

          Allerdings bleibt ihnen die schwierige Aufgabe, nun für die Schulen kurzfristig eine Lösung zu finden. Wie sollen Deutschlehrer nach dem 1. August korrigieren? Können Eltern und Schüler weiter im ungewissen gelassen werden? Die Kultusminister werden nicht umhinkommen, die Übergangsfrist für die Rechtschreibreform in der Schule zu verlängern. Sie sitzen nun in ihrer selbstgestellten Falle: Unsinnigerweise hatten sie die Einführung der Rechtschreibreform mit Erleichterungen für die Schüler begründet. Schlimmstenfalls könnten sie sich nun den notwendigen Änderungen an der Reform mit ihrer Verantwortung für die Schulen verweigern.

          Gerade damit erwiesen sie sich aber als unverantwortlich gegenüber den Schülern, vor allem aber gegenüber der Sprache. Wenn schon die Reformer dazu übergegangen sind, in den Rechtschreibregeln den Sprachgebrauch wieder abzubilden, dann können auch die Kultusminister sich diesem Umdenken nicht verschließen. Deshalb wirkt Zehetmairs Schlußfolgerung „Manches Zurück ist ein Schritt nach vorn“ wie ein versteckter Appell an seine früheren Kollegen. Ob sie ihn beherzigen?

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