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FAZ.NET-Frühkritik zu Jauch : Wir sind die Niedersachsen

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Die diesbezüglich schwerste Aufgabe Ursula von der Leyen zu erfüllen. Einerseits war das für ihre Partei, die CDU, ein bitterer Abend, andererseits hatte sich mit Norbert Röttgen gerade jemand entzaubert, der als Kronprinz für die Zeit nach Angela Merkel gehandelt worden und nun aus dem Rennen war. Da bestand die Gefahr, sich die Freude darüber, dass sie selbst damit nun sozusagen als Kronprinzessin übrig geblieben war, zu sehr ansehen zu lassen. Hatte ihr Parteikollege Peter Hintze in einem ersten Statement noch Respekt für die Art und Weise ausgedrückt, wie Röttgen die Niederlage nahm, konnte sie der Versuchung nicht wiederstehen, noch einmal aufzudecken, wie sehr diese Niederlage seine eigene Schuld gewesen war. War die FDP nicht auch mit dem Thema „Schuldenabbau“ gekommen und hatte damit Erfolg gehabt?

Auch wenn es nicht so aussieht: Die schwerste Aufgabe hatte Ursula von der Leyen zu erfüllen, und der sich nicht zu sehr freuen durfte, war Philipp Rösler

Der zweite, der sich nicht zu sehr freuen durfte, war Philipp Rösler, hatte nach Wolfgang Kubicki doch auch Christian Lindner bewiesen, dass man mit der FDP Wahlen gewinnen konnte. Etwas, das unter ihm als Parteichef zur bloßen Vermutung geworden war. Doch während Ursula von der Leyen die Züge ihres Gesichts fein zwischen Besorgtheit und Illoyalität eingestellt hatte, verrutschten sie Philipp Rösler spätestens, als in einem Einspielfilm gezeigt wurde, wie Kubicki ihn letzte Woche allein in Berlin vor der Presse hatte stehen lassen, weil er in Kiel noch seinen Rausch ausschlafen wollte. Nun hatte Christian Lindner innerhalb von wenigen Wochen die Anzahl der Stimmen aus den Umfragen zu denen in der Wahl verdreifacht, was ein großer Erfolg gewesen war, in dem schon die Frage steckte, warum das unter Philipp Rösler im Bund nicht ebenso möglich war. Oder war es nur mit Philipp Rösler nicht möglich?

Bei Sigmar Gabriel war schon an der Sitzhaltung zu erkennen, dass er mit seiner Freude nicht haushalten musste. Er saß so zurückgelehnt im Studio, dass einem zum ersten Mal überhaupt auffiel, dass die Sessel bei Günther Jauch mit kleinen Rückenlehnen ausgestattet sind, sonst wäre Gabriel womöglich nach hinten umgefallen. Angela Merkel? „Kann nicht so weitermachen.“ Wird er der nächste Kanzler? „Jetzt mal keine Drohung.“ Kommt das Unangenehme bei der Kümmerei nicht zu kurz? „Es braucht ein großes Herz und einen großen Verstand.“ Streit in der Troika? „Ich dachte schon, Sie kommen damit gar nicht mehr.“

Bei Sigmar Gabriel war schon an der Sitzhaltung zu erkennen, dass er mit seiner Freude nicht haushalten musste

Fröhlich und einigermaßen ungefragt erzählte Sigmar Gabriel, dass er „zwanzig Kilo früher“ einmal Turniertänzer gewesen sei, eine Karriere, von der es aber nur noch Standbilder gab. Der junge Vater erklärte, wie es zu dem Foto in einer Boulevardzeitung kommen konnte, bei dem er mit der linken Hand einen Kinderwagen schiebt und in der rechten Akten und Laptop hält, und dass man manchmal etwas stellen müsse, um authentisch zu sein. Selbstverständlich habe er keinen roten Kinderwagen wie auf dem Foto, da sei ihm das Klischee dann doch zu groß gewesen. Die Entspannung, die von Sigmar Gabriel ausging, war so groß, dass sie oft weise, in einigen Momenten aber fast formlos wirkte. Es war noch lustig, dass er Gerhard Schröder, der sich für Peer Steinbrück als Kanzlerkandidaten ausgesprochen hatte, als „Zirkuspferd“ bezeichnete, von dem man froh sein müsse, wenn an seiner statt nicht Wladimir Putin antworte. Ganz aus der Spur geriet er aber auf die Frage, warum er so nett zur Arbeitsministerin sei und sagte: „Ich habe bessere Möglichkeiten, als Ursula von der Leyen zu umarmen.“

Wenn die kommende Bundestagswahl also ebenfalls durch Personen statt Parteien entschieden wird, war an diesem Abend schon einmal zu sehen, dass sich in der Beherrschtheit der Ursula von der Leyen und der Gelassenheit von Sigmar Gabriel ein schönes Gegensatzpaar aufgemacht ist, dass stets in der Gefahr schwebt, es in eine Richtung zu übertreiben. Ob Philipp Rösler dann noch mit dabei ist, lässt sich schwer sagen. Dass Jürgen Trittin, der in der Sendung schon als Vizekanzler auftrat, ganz und gar unabhängig vom Ergebnis das Ätzende in seiner Art nicht ablegen kann, scheint jetzt schon klar.

Aber, wie sagte Sigmar Gabriel: „Die Gezeiten ändern sich.“ Immer wieder.
 

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