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FAZ.NET-Frühkritik : Wulffs Zeremonienmeister

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„Ein Vorwurf ist widerlegt, wenn ich das sage.“

Nach dieser Methode verfährt Wulff seit der ersten Veröffentlichung am 12. Dezember 2011. Dem Journalisten Michael Spreng hängt die Geschichte daher mit guten Gründen „zum Hals heraus“, wie er bei Plasberg mitteilte – und musste sich wie die beiden anderen Gäste Thomas Oppermann und Benjamin Stuckrad-Barre gegen die Inszenierung des Wulffschen Zeremonienmeisters Peter Hintze wehren. Aber das ist schwierig in einem solchen Format, wenn der Unterschied zwischen Lüge und Wahrheit aufgehoben wird. Plasberg bemühte sich, Licht in die Argumentationsfiguren des Bundespräsidenten und seines Beraters zu bringen. Er machte das unter anderem an seinen Einspielern deutlich. Ob es um die kostenlosen Urlaubsreisen, die diversen Kredite oder sogar die eigenen Fehler geht, wie Halbwahrheiten vor dem Landtag in Hannover: Wulff argumentiert seit seinem Interview in ARD und ZDF mit „Normalität und Menschlichkeit“. Nur auf dieser Basis kann Hintze die Unverfrorenheit aufbringen, dass „ein Vorwurf widerlegt ist, wenn ich das sage.“

Tatsächlich gibt es nur in der Audi Q 3-Geschichte der „Berliner Zeitung“ eine solche Widerlegung. Es war das einzige Mal, dass die Anwälte von Wulff oder Groenewold gegen einen Medienbericht geklagt haben. Für Hintze reicht das, um alle anderen strittigen Punkte als „widerlegt“ zu deklarieren. Er kam allerdings gestern öfter in Verlegenheit. Etwa wenn es um Wulffs vermeintliche Barauszahlungen an Groenewold auf Sylt ging. Wer macht das heute noch? Wohl wirklich nur ein Mann, der sein Parkett durch Schwarzarbeiter verlegen lässt. Für einen Amtsträger ist diese Praxis kaum nachvollziehbar, wie der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion Thomas Oppermann deutlich machte. Wulff müsse gerade bei völlig unstrittigen Handlungen ein Interesse an einem Beleg haben, ob nun als Rechnung oder Banküberweisung. Das will Wulff nicht bedacht haben? Wundert sich dann noch jemand, wenn mehr als achtzig Prozent  der Deutschen Wulff für unehrlich halten und 43 Prozent der Meinung sind, dass es das Staatsoberhaupt mit geltenden Gesetzen nicht so genau nimmt?

Der Glauben des Zeremonienmeisters

Den Zeremonienmeister Wulffs ficht es nicht an, wenn solche desaströsen Werte für einen ansonsten „sympathischen“ Politiker noch nie gemessen worden sind. Er versucht sich an Erklärungen, wenn er vom „Gerechtigkeitsempfinden Wulffs“ spricht, was sich für Spreng allerdings nach „Selbstgerechtigkeit“ anhört. Wulff könne, so Hintze, nicht zurücktreten, weil er „subjektiv“ davon überzeugt sei, dass er die Grenzen zwischen privatem Interesse und seinen Amtspflichten nie verletzt habe. Er könne ihm das aber auch nur glauben. Das muss den Zuschauern reichen. Den Anschein der Verquickung zwischen Privatleben und Amt zu vermeiden, war bisher strafrechtlich und politisch unbestritten gewesen. Er ist damit obsolet geworden. Merken Wulff und Hintze wirklich nicht, was das bedeutet, wenn sich in Zukunft bei Korruptionsverfahren jeder auf sein „subjektive Empfinden“ berufen darf? Welche Folgen das für das rechtspolitische Klima in diesem Land hat? Es gehe nicht nur um Gesetze, sondern auch um Gewohnheiten. Das war eine Anmerkung des italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano zum Thema Korruption. Wulff war danach gestern während seines Staatsbesuches in Italien gefragt worden. Er wird es nicht zur Kenntnis genommen haben.

Das ist die Zumutung in der Causa Wulff. Die Talk-Shows sind allerdings zu den Arenen geworden, wo die Schlacht um die Festung Bellevue ausgetragen wird. Auch eine gute Sendung wie gestern kann sich dieser Logik nicht entziehen. Deshalb werden die nächsten Sendungen wohl ebenfalls eine hohe Einschaltquote haben. Der Ernstfall findet zur Zeit im Fernsehen statt. Immerhin ein Fortschritt, wenn man das Stahlgewitter Ernst Jüngers bedenkt. Das mag in ansonsten trostlosen Zeiten ein Trost sein. Wir sind ja bescheiden geworden.
 

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