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FAZ.NET-Frühkritik: Beckmann : Kir fatal

Beckmann widmet sich der Berliner Republik Bild: NDR/Morris Mac Matzen

Beckmann lädt gleich fünf Stars aus der Crew von „Zettl“ ein, und erstaunlicherweise kommen sie auch alle. Dabei gibt es doch nicht mehr zu holen als 75 Minuten Dauerwerbesendung für den eigenen Film.

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          Irgendwann in „Zettl“, dem neuen Film von Helmut Dietl, der nächste Woche ins Kino kommt, aber seit Wochen derart mit Interviews und Vorabberichten betrommelt wird, dass man den Eindruck hat, er wäre wirklich schon so alt, wie er aussieht – irgendwann in diesem Film also wird eine Talkshow vorbereitet, und deren Moderatorin Jacky Timmendorf fordert von ihren Mitarbeitern, interessante Gäste einzuladen, die sich ordentlich miteinander streiten können. So, sollte man meinen, ist es auch in Wirklichkeit. Aber leider hat „Zettl“ auch in diesem Fall mit der Realität nichts zu tun.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          In Reinhold Beckmanns gestriger Talkshow ging es um das Thema, ob die Wirklichkeit der Berliner Republik die bessere Satire biete. Dazu kam ins Studio Helmut Dietl, Regisseur von „Zettl“, einer Satire über die Berliner Republik. Es kam Bully Herbig, Hauptdarsteller in „Zettl“, einer Satire über die Berliner Republik. Es kam Senta Berger, Nebendarstellerin in „Zettl“, einer Satire über – na, Sie wissen schon. Es kam Karoline Herfurth, noch eine Nebendarstellerin aus einem Film, dessen Name hier nicht mehr genannt werden muss. Und Benjamin von Stuckrad-Barre, Drehbuchschreiber (fragen Sie nicht, für was). Dieses Quintett hatte eine wenig überraschende Antwort auf die Fragestellung: Nein, die Berliner Republik biete nicht selbst die besten Satiren.

          Es wäre sicher reizvoll, einmal eine Beckmann-Sendung zu sehen, zum Beispiel zum Thema „Ist die SPD die bessere Regierungspartei?“, in der fünf CDU-Granden debattieren. Oder fünf Hip-Hop-Bandmitglieder über die Frage der staatlichen Förderung von Opernhäusern. Erstaunlicherweise werden wir so etwas nie sehen. Aber fünf Filmgrößen, im Willen vereint, das eigene Produkt zu bewerben, die werden geladen. Es gab vor ein paar Jahren mal moderate Aufregung über den Trick, eine lange Stefan-Raab-Show im Privatfernsehen als Dauerwerbesendung auszuweisen, um sie häufiger, als eigentlich erlaubt, für Reklame unterbrechen zu dürfen. Gestern im Ersten musste man eine solche Bezeichnung nicht eigens einblenden; diese Folge von „Beckmann“ hätte man vor 20 Uhr ausstrahlen müssen, wenn man das Werbeverbot im Abendprogramm der öffentlich-rechtlichen Sender noch ernst nähme.

          Man konnte allerdings bei „Beckmann“ auch lernen, warum „Zettl“ so kläglich gescheitert ist. Ein Berlin-Gesellschaftsporträt, wie man es in Nachfolge von Dietls legendärer Fernsehserie „Kir royal“, die 1986 Münchens feine Gesellschaft bespöttelt hatte, erwarten durfte, lag nämlich gar nicht in der Absicht des Regisseurs, wie er erklärte. Es gehe in „Zettl“ nur um die Mitte von Berlin-Mitte: den Regierungsbezirk. Aber die dortige Wirklichkeit muss deprimierend unspektakulär sein: Wenn man ein Drehbuch mit den Geschehnissen der Wulff-Affäre auf den Tisch bekommen hätte, wäre es wegen Langeweile abgelehnt worden, sagten Dietl und Bully Herbig übereinstimmend. Deshalb mochte sich auch niemand in der Runde über Wulffs oder Guttenbergs Handeln erregen. Die Skandalisierung beider Fälle, so Dietl, diene ja eh nur den Machtinteressen Dritter. Aber Karolin Herfurth musste sich von ihm anhören, dass ihn das mangelnde Interesse an Moral bei den jungen Deutschen wundere.

          Alle kommen dran

          In Wirklichkeit ist die aktuelle Affäre um den Bundespräsidenten natürlich die schönste Werbung, die sich eine gerade im Kino anlaufende Politsatire wünschen kann. Dementsprechend freute sich Stuckrad-Barre lautstark über den Niedergang der politischen Moral. Der Schriftsteller war überhaupt der Einzige, der durch sein Poltern bisweilen Leben ins Spiel brachte, weil Dietl schon frühzeitig von Senta Berger gewarnt worden war, er verbreite zu viel Klatsch. Ja, lieber Himmel, wozu sind Talkshows denn sonst da? Wie glücklich wären wir gewesen, von Bully Herbig etwas mehr über seine Dreharbeiten mit Jim Carrey in den Vereinigten Staaten zu hören. Oder die wahren Gründe zu erfahren, warum Franz-Xaver Kroetz, der Hauptdarsteller aus „Kir Royal“, in „Zettl“ nicht mitspielen wollte.

          Aber Beckmann wechselte brav von einer Politfrage zur anderen und rief seine Gäste dabei auf wie Schulkinder, weil Karolin Herfurth sonst wohl nie etwas gesagt hätte. Und als sie doch etwas auf eine Frage sagte, nämlich ob die Proteste im Wendland und gegen Stuttgart 21 oder die Occupy-Bewegung nicht für ein politisches Engagement junger Leute sprächen, lautete die Antwort von Herfurth, das sei richtig, wie man zum Beispiel am Wendland, an Stuttgart 21 und Occupy sehe. Wäre dieser Dialog ins Drehbuch von „Zettl“ gelangt, wir hätten im Kino sehr gelacht. Vor dem Fernseher bestätigte sich lediglich eine Weisheit von Stuckrad-Barre: „Es gibt auch die Kategorie Mitleid.“

          Aufzeigen nützt nichts

          Am Schluss, als Bully Herbig bekannte, gar nicht zu wissen, was die Berliner Republik ist (was noch einmal ein bezeichnendes Licht auf das Interesse der Gäste am Thema warf), ging das Gespräch in eine Kakophonie über, aus der man bisweilen einzelne Begriffe wie „Generalintendant“, „Österreich“ oder „Generation“ heraushören konnte, die mit dem Thema der Sendung gar nichts mehr zu tun hatten. Da meldete sich plötzlich Karolin Herfurth verzweifelt per Fingerzeichen, aber Beckmann nahm sie nicht mehr dran. Man kann den Mann verstehen. Selten haben wir uns so auf das „Nachtjournal“ gefreut.
           

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