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FAZ.NET Frühkritik: Günter Jauch : „Du sollst Gott fürchten und lieben.“

  • -Aktualisiert am

Samuel Koch (3.v.l.), sein Vater Christoph Koch und seine Schwester Schwester Rebecca bei Günther Jauch (r). Bild: dpa

Günter Jauch redete gestern Abend über das Leben von Samuel Koch. So wie halt Medien über Schicksale reden: Gott gerät zur Randnotiz.

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          Als Zivildienstleistender in der „Individuellen Schwerstbehindertenbetreuung“ machte man in der Ausbildung Mitte der 80er Jahre eine Art Kurzzeitpraktikum in einer Hamburger Unfallklinik. Bei schönem Sommerwetter war immer mit Nachschub zu rechnen. Zumeist Motorradfahrer mit schweren Wirbelsäulen- und Rückenmarkverletzungen. Es konnte auch Menschen treffen, die den Ratschlag, nicht kopfüber in unbekannte Gewässer zu springen, ignoriert hatten. Später konnte man es in der Dienstzeit zudem mit Schlaganfall-Patienten zu tun haben. Sie sitzen zwar bisweilen auch im Rollstuhl, haben aber ein völlig anderes Krankheitsbild als die Unfallopfer. Man lernte als Zivildienstleistender übrigens, Tetraplegikern (also mit Lähmung aller vier Gliedmaßen) ein sogenanntes Urinalkondom anzulegen, und erfuhr, welche Konsequenzen eine solche Rückenmarkverletzung für die Darmfunktion hat. Für einen „Zivi“ sind sie kein Vergnügen gewesen, aber man gewöhnt sich an alles.

          Das alles erfährt man nicht in einer Talk-Show

          Insofern ist es ein aussichtsloses Unterfangen, wenn Günter Jauch gestern einen Einblick in die Lebensumstände von Samuel Koch geben wollte. Man muss den Alltag erlebt haben, um zu verstehen, was Menschen mit einem solchen Schicksal aushalten müssen. Koch ist dabei wirklich ein besonderer Fall. Zum einen hat er mit der Schwere seiner Behinderung extrem viel Pech gehabt, selbst für einen Tetraplegiker. Zum anderen wurde er mit seinem Unfall bei „Wetten dass“ zum Prominenten. Er ist damit ein öffentliches Schicksal geworden, wo die Botschaft schon von den Medien festgelegt wird, bevor auch nur ein Satz gesagt worden ist: Koch soll dokumentieren, dass man mit einem solchen Schicksal weiterleben kann.

          Natürlich will sich niemand vorstellen, was ein solcher Unfall für einen selbst bedeutete. Oder wenn er die eigene Familie trifft. Der EKD Vorsitzende Nikolaus Schneider formulierte das eindringlich als er Luthers Katechismus zitierte: „Du sollst Gott fürchten und lieben.“ Die Furcht habe Schneider erst kennengelernt als seine Tochter Meike in den Armen der Eltern gestorben war. Das sagt ein Lutheraner.

          In Talk-Shows geht die Substanz solcher Sätze unter, weil sie unsere Gesellschaft mittlerweile für eine unerträgliche Zumutung hält. Das erste Gebot lautet heute: Hier muss jeder funktionieren, selbst wenn bei ihm - wie bei Koch - gar nichts mehr funktioniert. Und die Proklamation einer optimistischen Lebenseinstellung ersetzt zugleich jede theologische Debatte über die Frage, warum „Gott nicht geholfen hat, wo er es doch gekonnt hätte.“ Mit diesen Worten steht Schneider gegen lauter Agnostiker, die keine Fragen mehr haben, sprichwörtlich auf verlorenen Posten. Die lassen den „lieben Gott“ einen guten Mann sein, solange schwerstbehinderte Menschen nur im Fernsehen auftreten – und mit dem eigenen Leben nichts zu tun haben.

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