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FAZ.NET-Frühkritik : Freakshow

Moderator Beckmann: „Jetzt werde ich schon zu Ihrem Pressesprecher.“ Bild: dapd

Jetzt kümmert sich auch noch Reinhold Beckmann um steigende Strompreise – und verrät Erkenntnisse von der Sorte, dass der Netzausbau „natürlich“ das Grundproblem der Energiewende sei.

          2 Min.

          Wer schon seit Jahren keine Talkshow mehr gesehen hat, der ist zunächst einmal erstaunt. Reinhold Beckmann? War das nicht immer der Mann, der vorzugsweise ältere Herren wie Helmut Schmidt oder Peter Scholl-Latour aus ihrem Leben erzählen ließ und neben ihnen immer so unglaublich jung, nett und harmlos wirkte? Ein derart handfestes Thema wie steigende Strompreise hätte ihm damals keiner zugetraut. Und wenn er schon den Bundesumweltminister zu Gast hat, denkt man sich, dann würde es doch eher um Privates gehen – um seine Schwäche fürs Essen beispielsweise oder um den lieben Gott, der ihn allein durchs Leben gehen lässt.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Aber Peter Altmaier hat das ja alles schon in der Tagespresse ausgebreitet, und deshalb kann er sich auf dem Boulevard auch über Strompreise äußern. Wie in Talkshows kurioserweise üblich, wird in der Anmoderation schon verraten, was die Diskutanten jetzt gleich meinen müssen, wenn das Konzept der Sendung aufgehen soll. Altmaier zur Seite stehen drei emphatische Befürworter der Energiewende: ein grüner Bürgermeister aus Bayern, eine Wirtschaftsprofessorin aus Berlin und praktischerweise der hauseigene Wetterfrosch der ARD, der offenbar als Klimaexperte geladen ist – obwohl die Fachleute uns doch seit Jahren darüber aufklären, dass Wetter und Klima keineswegs dasselbe sind. Den Gegenpart nimmt der Publizist Dirk Maxeiner ein, der das ganze Vorhaben so rundheraus ablehnt, dass er sich auf die kleinen praktischen Probleme und Lösungen ebenfalls nicht einlassen will.

          Für Klein-Klein bleibt kein Platz

          Diese Form der Freakshow, auf die das Talkshow-Format mit einer gewissen Zwangsläufigkeit hinausläuft, vereitelt systematisch jeden Erkenntnisgewinn. Man erfährt nur, was der durchschnittliche Zeitungsleser sowieso schon weiß, nur dass es mit der Aura des Neuen eingeführt wird. „Das Grundproblem der Energiewende ist natürlich der Netzausbau“, kündigt Beckmann einen Einspieler an – mit einem Tonfall, als verrate er umstürzend Neues, obwohl er durch den Einschub des Wortes „natürlich“ das genaue Gegenteil signalisiert. Vorher haben wir schon in Filmchen erfahren, dass die Strompreise steigen, wie sich das für eine Familie auf der Rechnung niederschlägt und auf welchen Wegen ein bayerisches Dorf seine eigene Energiewende realisiert. Sofern sich daraus Fragen ergeben, die noch nicht allseits beantwortet sind, überhört Beckmann sie. Wenn die Filmfamilie zum Beispiel fragt, warum sie auf ihren Ökostrom eigentlich noch Ökostrom-Umlage zahlen muss.

          Wenn aber alles entweder ganz toll oder ganz schlecht sein muss, bleibt für solches Klein-Klein eben kein Platz. Natürlich fragt Beckmann auch nicht detailliert nach, manchmal spart er sich die Mühe des Fragens gleich ganz. Da bittet er den Energiewende-Kritiker kurzerhand, er möge doch jetzt einfach mal sein Alternativmodell vorstellen, oder er nimmt Altmaier gleich so vehement gegen Anwürfe in Schutz, dass es ihm ausnahmsweise selbst auffällt: „Jetzt werde ich schon zu Ihrem Pressesprecher.“ Dem Umweltminister bleibt es dann selbst überlassen, auch mal generös auf den einen oder anderen kritischen Punkt seiner Politik aufmerksam zu machen.

          So hat Beckmann ja zu den alten Zeiten funktioniert: Indem der Moderator eine Wohlfühlatmosphäre schuf, hoffte er, die Gäste zum Reden zu bringen. Das konnte man mögen oder nicht, aber es war immerhin ein eigenes Format, das sich von der Konkurrenz hinreichend unterschied. Für eine Polit-Talkshow taugt es nicht, jedenfalls nicht für neue Erkenntnisse über die Energiewende.

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