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FAZ.NET-Frühkritik : Die EU bringt ihr Geld gleich mit

  • -Aktualisiert am

Die Griechenland-Debatte bewegt sich in Widersprüchen, das wurde auch bei „Anne Will“ wieder deutlich Bild: dapd

„Griechenland brennt, Deutschland zahlt – Eurorettung um jeden Preis?“ Diese Frage stellte gestern Abend Anne Will. Ihre Gäste zweifelten am Verstand der Euroretter.

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          „Bitte entschuldigen Sie die Störung. Es geht gleich weiter.“ Um 23.50 Uhr wurde das Thema der Sendung ungewollt auf den Bildschirm gebracht. Handelt es sich bei Griechenland um eine kurzfristige Störung und es geht danach so weiter wie gestern Abend um 23.51 Uhr bei Anne Will? Ein technisches Problem, wo man schnell und mit großer Fachkompetenz reagiert, um die Störung effizient zu beseitigen? In dieser Sichtweise ist die ökonomische Debatte häufig verlaufen. Das hat sich geändert, nicht nur in den Talk-Shows des deutschen Fernsehens. Niemand glaubt mehr an eine Rettung Griechenlands, wie der Fernsehtechniker im Sendezentrum der ARD Anne Wills Sendung gerettet hat.

          Hartz IV? Leider nicht in Griechenland

          Die Störung in Griechenland haben wir mittlerweile seit zwei Jahren – und es geht nur in eine Richtung: nach unten. Die Volkswirtschaft ist im vergangenen Jahr um knapp 7 Prozent geschrumpft. Dieser Trend wird weitergehen. Solche abstrakten Zahlen bestimmen aber menschliche Schicksale. Etwa wenn Eltern ihre Kinder in SOS Kinderdörfer abgeben, weil sie ihren Nachwuchs nicht mehr ernähren können. Oder wenn der Journalist Michalis Pantelouris seine Erfahrungen mit der griechischen Mittelschicht schildert. Dass die Eltern zugunsten ihrer Kinder auf die eigene Portion Fleisch am Mittagstisch verzichten müssen.

          In welchen Widersprüchen sich die Debatte bewegt, wurde an Pantelouris und dem FDP Bundestagsabgeordneten Martin Lindner deutlich. Lindner beschrieb einen Elektriker in einem Staatsbetrieb, der sich darüber beschwert habe, dass er statt 3000 Euro bald nur noch 2800 Euro verdienen werde – und nicht mehr mit 52 Jahren in den Ruhestand gehen könne. Im übrigen, so Lindner, solle es erst jetzt eine obligatorische Überprüfung der Vermögensverhältnisse bei der Beantragung von Sozialleistungen geben. In Deutschland kennen wir das als Hartz IV. Nur wie passt das mit der Bemerkung von Pantelouris zusammen, dass es in Griechenland nach einem Jahr Arbeitslosigkeit gar keine Sozialleistungen mehr gibt? Und für einen Elektriker in Deutschland sind 2800 Euro ein gutes Gehalt. Leider waren die wohl schon im Bett, um sich darüber zu empören.

          Mentalität von Neokolonialisten

          Über Griechenland macht sich so jeder das Bild, das zu seinem Weltbild passt. An dieser Krankheit leidet die deutsche Debatte seit Ausbruch der Krise. Nun war Lindners Elektriker von Frau Will leider nicht eingeladen worden. Er wird aber genauso wenig repräsentativ sein, wie die verzweifelte Mutter, die ihr Kind in einem SOS Kinderdorf abgibt. Es gibt gute Gründe an der Effizienz des griechischen Staates zu zweifeln. Die Bundestagsabgeordnete der Linken, Sahra Wagenknecht, bezeichnete Griechenland sogar als eine „Kleptokratie“, also einen Staat der Diebe und parasitären Cliquen. Mittlerweile ist das allerdings schon fast bedeutungslos geworden. Das Schrumpfen der Volkswirtschaft trifft in Griechenland ausnahmslos jeden, der keine Vermögenswerte im Ausland besitzt. Es gibt auch keine Sparpolitik, von der gestern wieder die Rede war. Dieser Begriff sollte endlich gestrichen werden. Man kann nämlich nur aus laufenden Einkommen sparen, also Rücklagen bilden. In Griechenland werden lediglich Einkommen reduziert – und zwar in einem beispiellosen Umfang. Damit zugleich der Konsum und die Investitionen. Auf dieser Grundlage kann keine Volkswirtschaft der Welt funktionieren.

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