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FAZ.NET-Frühkritik : Das Schlossgespenst im Bellevue

  • -Aktualisiert am

Bild: NDR/Morris Mac Matzen

Die Berliner Republik in Aufruhr. Das war das Thema gestern bei „Beckmann“. Wir erlebten die Souveranitätserklärung der Medien gegenüber der Politik. Das kommt bekanntlich nicht jeden Tag vor.

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          Peter Altmaier (CDU) und Thomas Oppermann (SPD) sind die parlamentarischen Geschäftsführer jener beiden großen Fraktionen im deutschen Bundestag, die früher einmal zu den sogenannten Volksparteien gehörten. Beide sind intelligent, rhetorisch versiert und unaufhörlich darauf bedacht, jeden Sack Reis in das rechte Licht ihrer jeweiligen Partei zu rücken. Dabei ist es unerheblich, ob dieser umfällt oder nicht.

          Wer aber ganz gewiss nicht umfallen darf, ist der Nutzer jenes Ortes, den man in Berlin das Schloss Bellevue nennt. Er hat dort auszuharren, weil er in das Kalkül der im Reichstag sitzenden Parteien passt. Deshalb hat man die „Altmanns“ gestern Abend bei Beckmann nicht vermisst. Sie mussten leider draußen bleiben. Es war ein Segen.

          Etwas Klassisches namens Charakter

          So bleib uns jene schlechte Lyrik erspart, die über das Menschsein oder das Fehlermachen hätte räsonieren können. Vielmehr hat man versucht, den Schlossbewohner zu entschlüsseln, seine Beweggründe und Motive nachzuvollziehen. Das geschah in einer Atmosphäre, die ansonsten dem Wissenschaftler vorbehalten bleibt. Ohne jedes Eigeninteresse und ohne emotionale Anteilnahme widmeten sich Beckmanns Gäste dem Objekt ihres Interesses. Wie waren etwa seine Lebensumstände seit seiner Geburt? Ist bei ihm eine schwierige Kindheit als Erklärung geltend zu machen?

          So wies Hugo Müller-Vogg, Kolumnist der „Bild“-Zeitung, auf die Umstände hin, denen Wulff nach seinem Wahlsieg im dritten Anlauf ausgesetzt gewesen sei. Plötzlich war der vorher bei jener Hannoveraner Sumpfblüte namens FROGs (Friends of Gerd Ex-Kanzler) Verachtete zum Ministerpräsidenten aufgestiegen. Es hätte fast „übermenschlicher Kräfte“ bedurft, sich den Schmeicheleien und Verlockungen der Blüte zu widersetzen.

          Das Schlossgespenst im Bellevue? Bundespräsident Christian Wulff
          Das Schlossgespenst im Bellevue? Bundespräsident Christian Wulff : Bild: dapd

          Rainer Erlinger von der „Süddeutschen Zeitung“ ergänzte, dass man darunter aber etwas ganz Klassisches verstehen könnte: Es nennt sich Charakter. Wobei Müller-Vogg darauf hinwies, dass der niedersächsische Ministerpräsident jener Jahre den Anspruch erhoben habe, ein besonderer Politiker zu sein. Tissy Bruns vom „Tagesspiegel“ fürchtete zwar, man könne in eine Situation geraten, in der Impressionen zu Schlussfolgerungen führen könnten, die gegenüber dem thematischen Schwerpunkt nicht gerechtfertigt wären. Aber diese Befürchtung war völlig unbegründet. Es fiel kein böses Wort. Alle Diskussionsteilnehmer blieben streng analytisch. So wies Georg Mascolo, Chefredakteur des Magazins „Spiegel“, darauf hin, dass man in Hannover als Politiker leben konnte, auch ohne den Sumpf mit den prächtigen Blüten. Er nannte die Namen Gabriel, Steinmeier und Frau von der Leyen.

          Die prachtvollste Blüte aus Hannover

          So ging es um einen Sachverhalt, der die Republik in den vergangenen Tagen bewegte. Um den Privatkredit aus dem Hause Geerkens zu Osnabrück, und eben nicht aus dem Sumpf zu Hannover, worauf Mascolo berechtigterweise hinwies. Um jene juristischen Spitzfindigkeiten des Herrn aus dem Schloss Bellevue, die dazu dienten, sich zu verstecken – und die Aufklärung des Sachverhalts erschwerten. Was ist ein Privatkredit und was ist geschäftlich?

          Nichts ist mehr selbstverständlich. Erlinger hat zudem darauf hingewiesen, dass „nicht alles, was einen nicht vor Gericht bringt, deshalb schon richtig ist.“ Es gab durchaus kontroverse Standpunkte: Während Müller-Vogg eine Entschuldigung in Wulffs gestriger Erklärung vermisste, genügte diese Erlinger erst einmal. Er hatte keineswegs mehr erwartet. Mascolo wies darauf hin, wie mit diesem Fall alle Politiker unter Generalverdacht gerieten. Nur eine Minderheit lege allerdings Wert darauf, in den Luxusvillen eines „hoch umstrittenen Mannes“ (Gerhart Baum) Urlaub zu machen. Der heißt übrigens Maschmeyer. Er ist die prachtvollste Blüte, die Hannover zu bieten hat. So konstatierte Mascolo, dass der Hausherr in mindestens zwei Häusern gerade dabei gewesen sei, sich in sein Amt einzufinden.

          Tissy Bruns erwähnte Wulffs Bemühungen zur Integrationspolitik oder das Engagement gegen den braunen Terror. Aber, so Mascolo, was bleibt, wenn man den zwei entscheidenden Kriterien zur Amtsausübung nicht genügt? Der „Macht der Rede“ und der „Integrität der Persönlichkeit“. Beckmann fragte schließlich, ob man hier von einer Skandalisierung durch die Medien reden könne. Sicherlich nicht. Von der „Bild“-Zeitung bis zum „Spiegel“ dominierte die sachliche Recherche, trotz der Konkurrenz und der rauer gewordenen Sitten.

          Gleichwohl blieb Raum zur Selbstkritik. Etwa beim Umgang mit dem Vorwurf der Unfallflucht nach Beschädigung eines Außenspiegels durch den designierten FDP Generalsekretär Döring. Mascolo versicherte, dass niemand in seinem Blatt Dörings Karriereende verlangen werde. Es wurde deutlich, warum die Berichterstattung bei „Spiegel online“ Unfug gewesen sein könnte. Mascolo musste den Text seiner Online-Redakteure aber erst noch lesen.

          Botschaft für das Schloss Bellevue

          Es war eine gute Sendung, nicht zuletzt wegen eines unprätentiös agierenden Gastgebers. Die „Altmanns“ dieser Welt werden sie als langweilig empfunden haben. Man ist das nicht mehr gewohnt: dass Menschen mit unterschiedlichen Meinungen argumentieren anstatt rhetorisch zu randalieren. Es wirkte wie eine Souveranitätserklärung der Medien. Kein Klüngel mehr mit der Politik. Insoweit muss man dem Thema der gestrigen Sendung dankbar sein. Der Bundespräsident hätte dann doch etwas in seiner Amtszeit bewirkt.

          Mascolo hatte noch eine Botschaft für das Schloss Bellevue. Ob der Privatkredit von Frau Geerkens stammt? Wohl nicht. Wie soll auch eine ehemalige Verkäuferin in einem Juweliergeschäft des Ehemannes an 500.000 € kommen? So fragte sich Müller-Vogg. Der Schlossherr droht zum Schlossgespenst zu werden. Eine leere Hülle. Er erinnert damit an die FDP. Die war übrigens auch ein Thema gewesen.

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